Kanton St.Gallen – Gewerbliches Beruf- und Weiterbildungszentrum St.Gallen

03.04.2020

# Bau

Von null auf hundert

Angelina Donati
Angelina Donati
Social Media Verantwortliche
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Von einem Tag auf den anderen auf Fernunterricht umstellen

Im Interview erzählt Roland Lohri wie er als Lehrgangsleiter und Dozent, die Dozierende und die Studierenden mit der neuen Situation umgehen und mit welchen Herausforderungen alle nun konfrontiert sind. Roland Lohri ist Lehrgangsleiter der Studiengänge HF Bauführung, Baupolier/in und Bauvorarbeiter/in an der Baukaderschule St.Gallen. Vom Fernunterricht betroffen sind aktuell die Bauvorarbeiter/innen. Die Studierenden der anderen beiden Lehrgänge absolvieren unabhängig von der momentanen Situation ein Praktikum, welches einen Teil der Weiterbildung ausmacht.

Es war an einem Freitag, als der Bundesrat mitteilte, dass ab Montag die Schulen in der Schweiz als Massnahme gegen die Ausbreitung des Corona-Virus geschlossen werden. Was bedeutete das für die beiden Klassen der Bauvorarbeiter/innen?
Der Studiengang mit unseren 40 Studierenden startete gerade erstmal zwei Wochen vorher. Studierende und Dozierende befanden sich somit noch immer in der Kennenlern-Phase. Und praktisch zur selben Zeit war es an uns, uns zusammen auf den Fernunterricht vorzubereiten und einzustimmen. Im Gegensatz zu anderen Lehrgängen und Schulen, war es uns nicht möglich, uns eine Woche lang auf die neue Unterrichtsform einzustellen. Denn beim Bauvorarbeitenden handelt es sich um eine Vollzeit-Weiterbildung. Uns blieb nichts anderes übrig, als uns von null auf hundert umzustellen.

Was waren die technischen Herausforderungen, um eine Online-Verbindung mit den Studierenden herzustellen?
Ganz klar: Die elektronischen Geräte. So hatten im Unterricht gerade mal 20 bis 30 Prozent der Studierenden ihren eigenen Laptop mitgebracht. Was allerdings auch nicht verlangt wird. Als es sich abzeichnete, dass womöglich auf Fernunterricht umgestellt werden musste, bat ich sie, das Programm Teams auf das Handy zu laden. Zumindest bis sie sich ein Gerät beschafft haben, damit wir die ersten Tage mit dem Unterricht starten konnten.

Wie verläuft der Tagesablauf der Studierenden?
Ganz bewusst halten wir an den Unterrichtszeiten fest. Auch, damit die Struktur bleibt, die im Fernunterricht ohnehin äusserst wichtig ist. Jeweils zu Beginn einer Lektion startet die Lehrperson einen Videochat mit den Studierenden. Nach einer kurzen Begrüssung erklärt sie, wie der Unterricht weiterverläuft. Die Selbstverantwortung der Studierenden ist dabei wesentlich grösser als im Klassenzimmer. Sagen wir es mal so: Im Klassenzimmer können sie eher konsumieren, nun aber müssen sie sich richtig hineinknien.

Kannst du bereits etwas zur Qualität des neuen Schulunterrichts sagen?
Die Qualität bleibt bislang auf einem wünschenswerten Niveau. Fest steht dennoch, dass mit Fernunterricht nicht alle Studierenden wie zuvor gefördert werden können. Dies bleibt auch unsere grosse Herausforderung für die nächsten neun Wochen. Ich bin täglich mit den Studierenden in Kontakt und versuche, sie zu motivieren und stehe ihnen auch während des ganzen Stundenplans für Auskünfte und Unterstützung zur Verfügung. Besonders auch in der ersten Woche war der persönliche Support sehr wichtig – für Studierende und Lehrpersonen. Es ist unverkennbar, dass die IT-Kompetenzen deutlich zugenommen haben.

Was ist positiv am digitalen Unterricht, so dass der Fokus auch nach Corona-Zeiten darauf gerichtet werden kann?
Das Programm Teams werden wir bestimmt auch nach dem Fernunterricht weiter benutzen und pflegen. Die besondere Situation hat uns die digitale Entwicklung einmal mehr verdeutlicht. Das Digitale wird uns künftig auch mehr im Schulzimmer begleiten. Was aber nicht weiter mit Schwierigkeiten verbunden sein dürfte, denn die Studierenden zeigten nun eindrücklich, wie sie sich IT-Kenntnisse innert kürzester Zeit angeeignet haben, und das mit Erfolg. Das wird sich auch auf folgende Lehrgänge auswirken – wir werden verstärkt digital arbeiten.

"Der digitale Unterricht hat ganz klar seinen Reiz. Es gibt unzählige Möglichkeiten, die sehr spannend und wert sind, sie weiterzuverfolgen."

Roland Lohri, HF Bauführung/ Baupolier*in und Bauvorarbeiter*in

Gibt es auch negatives, das der Fernunterricht mit sich bringt?
Aus meiner Sicht als Lehrperson gehen die zwischenmenschlichen Interaktionen verloren. Im Klassenzimmer spüre ich die Stimmung, kann auf jeden einzelnen sofort eingehen. Das fehlt nun, trotz Videogesprächen, fast gänzlich. Zumal ich ja beim Unterrichten am Computer nie die Klasse vor mir habe. Und so ist der Beruf ein anderer geworden. Der Hauptgrund, weshalb ich als Lehrer tätig bin, ist die Freude am Umgang mit den Menschen und sie zu erleben. Nun aber sitze ich den ganzen Tag vor dem Computer und abends schmerzt mir der Kopf.

Du hast gesagt, dass im Fernunterricht die Studierenden mehr Selbstdisziplin aufbringen müssen. Wie ist das Feedback der Studierenden?
Das fällt ganz unterschiedlich aus. Für die einen ist es mühsam, sich mit sich selbst zu beschäftigen, andere hingegen sind nicht diszipliniert genug, und wieder andere haben die neue Lernform im Griff und arbeiten sehr strukturiert. Sie stellen sogar fest, dass sie zuhause, ohne die Ablenkung anderer im Klassenzimmer, effizienter vorankommen. Wir geben ihnen praktische Tipps. Und ich habe begonnen, jeden Morgen ein Motivationsbild auf unseren digitalen Klassenraum im Teams zu stellen, damit der Start in den Tag leichter fällt.

Wie stehst du zur aktuellen Unterrichtsform?
Der digitale Unterricht hat ganz klar seinen Reiz. Es gibt unzählige Möglichkeiten, die sehr spannend und wert sind, sie weiterzuverfolgen. Dennoch hoffe ich doch sehr, wenn der Unterricht bald wieder in einem Raum fortgeführt werden kann.

Wie gelingt es den Studierenden, die Konzentration aufrecht zu erhalten, um Aufgaben zu erledigen?
Das ist nur mit Selbstdisziplin möglich. Das heisst, sich an Regeln zu halten. Wichtig ist, zuhause einen Arbeitsplatz nur für sich zu schaffen. Und Rechnungen, die bezahlt werden müssen, sollten nun weggelegt werden. Auch Familienmitglieder, insbesondere auch Kinder, die im gleichen Haushalt leben, sollten geben werden, während den Unterrichtszeiten nicht abzulenken. Wer nun denkt, er könne auf dem Balkon sitzen, grillieren und dabei studieren, der macht sich ein falsches Bild. Denn Fernunterricht ist nicht chillig. Im Gegenteil: Man ist noch mehr gefordert als im herkömmlichen Unterricht.

Was empfiehlst du den Studierenden, den neuen Alltag gut meistern zu können?
Sich morgens wie gewohnt herzurichten und tagsüber immer mal zu bewegen. Jetzt zum Beispiel stehe ich an meinem Bürotisch zuhause, den ich auch als Stehtisch benutzen kann, und halte Balance auf einer Kybun-Matte. Diese digitale Unterrichtsform ermöglicht mir auch, ab und an den Gang zur Kaffeemaschine, was natürlich praktisch ist. Auch Ruhezeiten erscheinen mir von zentraler Bedeutung. Die Herausforderung besteht darin, sich vom Studium und von der Arbeit abgrenzen zu können. Mit dem Arbeitsplatz zuhause verfliessen Arbeit und Freizeit fast unbemerkt ineinander. Auch für mich bringt die aktuelle Lage eine intensivere Arbeitszeit mit sich. Um abzuschalten, gehe ich abends raus an die frische Luft und mache ein paar Schritte im Wald.