Kanton St.Gallen – Gewerbliches Beruf- und Weiterbildungszentrum St.Gallen

23. Oktober 2020

Der Typografie neue Frische verleihen

Jonas Niedermann ist Lehrgangsleiter der berufsbegleitenden Weiterbildung Typograf/in für visuelle Kommunikation an der Schule für Gestaltung am GBS St.Gallen.

Die Schule für Gestaltung am GBS St.Gallen bietet ab August 2021 eine neue berufsbegleitende Weiterbildung an. Schrift- und Typografie-Interessierte haben die Gelegenheit, während zweier Semester den berufsbegleitenden Lehrgang Typograf/in für visuelle Kommunikation eidgenössischer Fachausweis (EFA) zu absolvieren.

Im Interview erzählt Lehrgangsleiter Jonas Niedermann, was Typografie ausmacht und weshalb die Weiterbildung wichtig für visuelle Fachleute aus der grafischen Branche ist.

Jonas Niedermann, was erwartet die Teilnehmerinnen und Teilnehmer in dieser Weiterbildung?
In diesem Lehrgang geht es um Typografie – dem visuellen Ausdruck der Sprache. Dabei verstehen wir die Typografie nicht als eine in sich geschlossene Sache, die sich nur mit der gedruckten Form von Sprache befasst, sondern als medienübergreifend: Die Anwendungsbereiche sind sehr breit. Man trifft sie sozusagen in allen Bereichen der visuellen Kommunikation an. Im Lehrgang frischen wir die Grundlagen der Gestaltung auf und lernen, wie wichtig ein Regelwerk ist. Wir vermitteln in dem Sinne aber diese Grundlagen nicht losgelöst von Anwendungen, sondern richten das Augenmerk ganz gezielt auch auf die multimedialen Anwendungsgebiete, die sich von Print, wie Bücher und Plakate bis hin zum digitalen Bereich, wie digitale Publikationen, Websites und Apps weiterentwickelt haben. Das Feld ist äusserst komplex und breit und jedes Anwendungsgebiet hat seine individuellen Grundlagen und Parameter. Um kreativ darin wirken zu können, muss man zuerst deren Regeln kennen, denn nur dann lassen sie sich auch bewusst brechen, weiterentwickeln und damit experimentieren.

Der kreative Spielraum ist demnach je nach Anwendungsgebiet ganz unterschiedlich?
Ja, genau. Die Kriterien sind von grosser Bedeutung. So ist der kreative Spielraum bzw. die Anforderungen im Bereich Lesetypografie ein anderer als beim Medium Plakat. In einem Buch sollten Inhalte klar strukturiert und gewichtet werden und zudem ohne Ermüdung lesbar sein. In einer App wiederum sollte sich die Typografie der Usability und einfachen Orientierung verpflichten und unterstützend wirken. Bei einem Plakat hingegen, wo Plakativität und Ausdruck gefragt ist, darf die Typografie auch selbstbewusst, auffallend, plakativ, experimentell und laut sein.

Was hat es mit dem Regelwerk auf sich?
Wenn man die Regeln, die Grundlagen, kennt und anwenden kann, weiss man, wie und wo man sie brechen darf. Experimente und Kreativität entsteht dort, wo bewusst mit Konventionen gespielt wird. Ein Ziel des Lehrgangs ist denn auch das Analysieren und Beurteilen von Anwendungen und deren Regelwerk. Die Kreativität entsteht durch Erfahrung und durch Mut zu Neuem. Dazu gehört auch die Kompetenz, neue Ansätze mit der richtigen Argumentation und Begründung dem Kunden verkaufen zu können. Auch diese Fähigkeit erlangen die Studierenden im Lehrgang, unter anderem mit Präsentieren und Reflexion der eigenen Arbeiten.

An wen richtet sich das Weiterbildungsangebot?
An visuelle Menschen mit einem eidgenössischen Fähigkeitszeugnis in der grafischen Branche, wie etwa Grafiker, Polygrafen, Multimediagestalter und weitere. An alle, die sich in ihrem Beruf im Bereich Typografie spezialisieren möchten.

Warum ist der Lehrgang Typografie für den Beruf wichtig?
Typografie ist in der visuellen Kommunikation allgegenwärtig und deshalb ist der bewusste und gekonnte Umgang von zentraler Bedeutung. Die Entwürfe und Designs müssen im beruflichen Alltag in immer weniger Zeit entstehen und präsentiert werden. Oft ist die Zeit sehr knapp. Wer jedoch den Umgang mit Typografie beherrscht, kann durch seine Expertise die gestalterische Qualität steigern und gleichzeitig Zeit und Geld sparen. Dazu gehört auch das professionelle und kompetente Beraten der Kundschaft, zu welchem das Verständnis für Schrift und ihrer Geschichte unabdingbar ist. Zum Beispiel im Bereich des Brandings spielt Typografie und Schrift und ihr Ausdruck eine wichtige Rolle, transportiert sie doch die Haltung und Sprache eines Unternehmens in unterschiedlichsten Medien.

Wodurch zeichnet sich diese Weiterbildung aus?
Oftmals ist Typografie in der Ausbildung der visuellen Kommunikation, sei es in der Berufslehre, Höheren Fachschule oder auf Fachhochschulstufe ein Bereich unter vielen anderen. Wir legen in den zwei Semestern den Fokus auf Typografie und Schrift und deren Anwendungsgebiete. Dadurch bereiten wir die Teilnehmerinnen und Teilnehmer ideal auf die Berufsprüfung Typograf/in für visuelle Kommunikation eidgenössischer Fachausweis (EFA) vor. Dieser Lehrgang an der Schule für Gestaltung St.Gallen ist auf Stufe Berufsprüfung in der Deutschschweiz einzigartig.

Worauf legen Sie persönlich grossen Wert?
Das Gestalten mit Schrift soll interessant sein und Spass machen. Der Typografie haftet oft etwas Verstaubtes an. Mein Ziel ist es, mit diesem Lehrgang die Typografie von diesem Image zu befreien, kräftig mit dem Staubwedler zu wischen und ihr neue Frische zu verleihen. Typografie kann schreiend, leise, expressiv, zurückhaltend, experimentell, brav, ausdrucksvoll, neutral, strukturiert, chaotisch und vieles mehr sein. Dabei ist es jedoch stets wichtig, dass Inhalte in der adäquaten Tonalität transportiert werden und die visuelle Aussage dem Inhalt gerecht wird.

Erzählen Sie doch kurz etwas zu Ihrer Person und wie Sie zur Typografie gefunden haben.
Ich habe Visuelle Kommunikation und später Schriftgestaltung/Type Design (CAS) an der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK) studiert und absolvierte den Master in Typeface Design an der University of Reading (Grossbritannien). Nebst meiner Arbeit als Projektleiter und Designer bei TGG Hafen Senn Stieger betreibe ich ein eigenes Studio für Typografie und Schrift in St.Gallen. Ein besonderes Projekt, das ich realisieren durfte, war die Schrift «Allegra» von und mit Jost Hochuli zu digitalisieren. Daneben unterrichte ich Typografie und Schrift an der ZHdK und an der Schule für Gestaltung am GBS St.Gallen.

Was macht in Ihren Augen eine gute und interessante Typografie aus?
Wenn die Typografie sowohl gut als auch interessant ist, ist das der Idealfall, der stets anzustreben ist. Gut gestaltet ist sie, wenn der Ausdruck stimmt, inhaltsgerecht bis ins Detail aufbereitet wurde, gut strukturiert und die Lesbarkeit gewährleistet ist. Interessant wird sie in meinen Augen, wenn Grenzen ausgelotet werden, Neues gewagt wird und Überraschendes entsteht. Gute Typografie zu beherrschen ist keinesfalls einfach, sondern sehr anspruchsvoll und braucht viel Erfahrung und Fachwissen. Deshalb sind die Fähigkeiten, die in unserem Lehrgang erlernt werden, wichtig.

Typografie in Ihren Worten?
Typografie ist die Faszination für den Umgang mit Schrift und Sprache.

Wie weiter nach der Weiterbildung? Welche Anschlussbildungen bestehen?
Im Lehrgang liegt der Fokus auf der Typografie. Aber nicht nur: Auch andere gestalterische Kompetenzen wie zum Beispiel der Umgang mit Bild und bewegten Elementen wird geschult. Das Hauptziel der Weiterbildung ist, dass Studierende innerhalb der Agentur oder Firma, bei der sie tätig sind, in der Kreation und Konzeption selbstständig befähigt werden, eine Spezialisierung und Expertise einbringen oder auch eine neue Position einnehmen, und somit in der Hierarchie eines Unternehmens aufsteigen können. Weiter ist der Lehrgang Typograf/in für visuelle Kommunikation EFA eine ausgezeichnete Vorbereitung für einen HF Lehrgang oder für ein Studium an einer Hochschule.

Die Weiterbildung ist ja in der Stadt St.Gallen am richtigen Ort, hat doch die Buchgestaltung mit anspruchsvoller Typografie in St.Gallen eine lange Tradition.
Genau, St.Gallen ist sozusagen der Standort für diesen Lehrgang. Die Berechtigung ist tatsächlich da, blickt doch St.Gallen auf eine starke Tradition in Typografie und Buchgestaltung zurück. Auch sind Designer hier zugegen, die als Koryphäen oder Vorbilder bezeichnet werden dürfen. Die typografische Ausbildung hat ebenfalls eine lange Tradition. Ob nun Buchstadt, Sitterwerk – das auch mit der Kunst verknüpft ist – und auch die Stiftsbibliothek: Wir dürfen richtig stolz sein, den Lehrgang in St.Gallen durchzuführen. Längst hat sich hier eine «Szene» aufgetan und es kehren immer mehr auch junge Gestalter zurück in die «Provinz» oder verbleiben hier, und so entsteht eine gute Durchmischung mit der alten Garde.

Bereuen Sie es nicht, dass Sie lange Zeit nicht in St.Gallen waren oder hier die Ausbildung gemacht haben?
Womöglich war ein Exil sogar nötig, vielleicht weiss ich dadurch die Qualität und Tradition hier in St.Gallen mehr zu schätzen. Mir ist es ein Anliegen, den Spass und die Freude an der Typografie in die Schule zu tragen, Neues und Innovatives zu fördern und dies auch mit den «Jungen und Wilden», die ebenso die Faszination für Schrift leben. Eine Weiterbildung lebt auch immer davon, welche Personen und Charaktere unterrichten. Nun liegt es auch in meinen Händen, ein tolles Team an Dozierenden zusammenzustellen, damit wir gemeinsam etwas Neues erschaffen können.