Von der Mädchenschule zur Haute Couture
An der Kugelgasse 19 in St.Gallen entsteht bis heute echte Couture: Im Lehratelier des GBS St.Gallen entwerfen Bekleidungsgestalter:innen EFZ massgeschneiderte Einzelstücke für Kundinnen und Kunden. Damit führen sie eine textile Tradition weiter, deren Wurzeln bis zu den St.Galler Mädchenschulen des 16. Jahrhunderts reichen.
Das Baettig-Team in St.Gallen trägt bald Schürzen, die von angehenden Bekleidungsgestalter:innen EFZ des Couture-Lehrateliers am GBS St.Gallen entworfen werden. Die Lernenden fertigen regelmässig massgeschneiderte Einzelstücke und Kleinserien «Made in St.Gallen» für externe Kundschaft an.
Die jüngste Kundin des Couture-Lehrateliers in der Kugelgasse ist vier Jahre alt, die älteste 90. Ihnen gemeinsam ist die Leidenschaft für hochwertige, exklusive Modelle jenseits eines modischen Mainstreams. «Jedes handgefertigte Kleidungsstück ist für mich ein Ausdruck von Persönlichkeit und Qualität», sagt Martina Lips Wiedemann, Fachbereichsleiterin Bekleidungsgestalter:in EFZ im Couture-Lehratelier. Nachhaltigkeit sei hier keine Floskel, denn die Kundschaft sieht, wie ihr Wunsch-Outfit entsteht und wer dahintersteht.
Präzise Handarbeit
Der Prozess orientiert sich am Fertigungsniveau der Haute Couture. Dabei wird die Tradition weitergetragen. Auf dem Stockwerk des Couture-Lehrateliers wecken eingerahmte Fotografien aus früheren Jahren das Interesse. Sie sind kulturhistorisch spannend, weil sie die früheren Ausbildungsräume der damaligen Couture-Ausbildung in der Kugelgasse zeigen. Zu sehen sind Schülerinnen beim Handnähen, zuschneiden und an der Nähmaschine.
Auf den Bildern erkennt man Elemente, die bis heute typisch für eine Couture-Ausbildung sind. Im Mittelpunkt steht nicht die industrielle Fertigung mit Maschinen, sondern das Arbeiten mit dem geschulten Auge, dem Gefühl für Stoffe und der präzisen Handarbeit.
Die Lernenden setzen sich auch heute intensiv mit Material, Schnittführung und Passform auseinander und arbeiten direkt an Schneiderpuppen oder von Hand an den Kleidungsstücken. Dabei sind Ruhe, Genauigkeit und handwerkliche Sorgfalt gefragt. Es handelt sich dabei um Eigenschaften, die seit jeher als Qualitätsmerkmal der Couture gelten. Martina Lips Wiedemann sagt: «Gerade diese Verbindung von Stoffverständnis, individueller Anpassung und präziser Handarbeit unterscheidet die Couture grundlegend von der industriellen Bekleidungsproduktion.»
Die älteste erhaltene Schulordnung
Die Geschichte des heutigen Couture-Lehrateliers an der Kugelgasse reicht weit bis in die Anfänge der Mädchenbildung nach der Reformation zurück. Bereits im 16. Jahrhundert führte die Stadt St.Gallen eigene Schulen für Mädchen und Knaben. Ein Kaufbrief von 1550 erwähnt eine Mädchenschule im Haus zur Harfe, dem heutigen Kino Corso. Ab 1598 wurde zusätzlich ein Schulhaus hinter der Kirche St.Laurenzen genutzt. Dabei handelt es sich um jenes Gebäude, in dem sich heute das Couture-Lehratelier befindet.
Eine besondere historische Quelle ist die älteste erhaltene Schulordnung der St.Galler Mädchenschulen von 1640. Die Mädchenbildung jener Zeit war stark geprägt von Religion, Disziplin und Handarbeit. Neben Lesen und Religionsunterricht lernten junge Frauen vor allem Nähen, Flicken und textile Arbeiten.
Gerade in St.Gallen entwickelte sich daraus eine enge Verbindung zwischen Bildung und Textilwirtschaft. Im 18. und 19. Jahrhundert wurde die Ostschweiz bekanntlich zu einem Zentrum der Stickerei- und Stoffproduktion. Viele Frauen arbeiteten für die wachsende Textilindustrie zuhause an feinen Stickereien, Spitzen und Weissnähereien.
Mit der Industrialisierung entstanden aus den frühen Arbeits- und Töchterschulen zunehmend eigentliche Fachschulen für Gestaltung und Handwerk. Daraus entwickelte sich schliesslich auch die heutige Schule für Gestaltung am GBS St.Gallen zu der das Couture-Lehratelier gehört.
«Wir nehmen Mass»
Das Couture-Lehratelier knüpft bis heute an diese Tradition an: Im Mittelpunkt stehen Massschneiderei, präzise Handarbeit und die Verbindung von Gestaltung und handwerklichem Können. «Wir nehmen Mass», sagt Martina Lips Wiedemann, «denn der Körper definiert die Grösse, nicht Zahlen zwischen 34 und 48.» Nach der Schnittmustererstellung fertigen Lernende Probemodelle aus Moulure, bevor die Realisierung an den kostbaren Original-Textilien beginnt. Neben den Standards der Schneiderei werden ganz besondere, seltene Techniken erworben, welche typisch sind für die Ostschweiz.
Nur noch wenige Fachkräfte realisieren etwa die Verarbeitung von St. Galler Stickereien in feinster Handarbeit. Trotz oder gerade deswegen besteht die Verbindung zwischen St.Gallen und der internationalen Haute Couture bis heute. Luxusmarken wie Dior, Chanel oder Valentino verwenden noch immer St.Galler Stickereien und Spitzen – textile Traditionen, deren Wurzeln auch in den historischen Ausbildungsräumen der Kugelgasse liegen.
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