Experimentieren, analysieren, präsentieren: BM-Lernende sind bestens vorbereitet auf die IDPA
Was macht eine gute Interdisziplinäre Projektarbeit (IDPA) aus? Eine spannende Fragestellung, die passende Methode und die Bereitschaft, über Fachgrenzen hinauszudenken. Genau hier setzt die neue Projektwoche «Interdisziplinäre Arbeit» der Berufsmaturität am GBS St.Gallen an. Rund 750 Lernende meldeten sich selbst für Workshops an, welche Methoden vermitteln, die später in der IDPA angewendet werden können.
Einen persönlichen Farbkasten konnten die Lernenden der Berufsmaturität mit nach Hause nehmen, die am Workshop «Urban Color Studies» teilnahmen. Für Sie wurde St.Gallen zum Forschungsraum für Farben. Die Lernenden erkundeten während der neuen IDA-Projektwoche die Stadt und ihre Umgebung zu Fuss, sammelten an der Sitter Materialien sowie Pigmente und stellten daraus eigene Wasserfarben her. Die Lehrpersonen Rafaela Fuchs und Delia Stolpe organisierten am ersten Tag auch eine Führung im Materialarchiv der Kunstgiesserei.
BM-Lernende Jasmine zeigte sich überrascht von der aufwendigen Herstellung der Farben. «Ich bin gar nicht davon ausgegangen, dass wir Steine suchen und daraus eigene Farben machen. Es war spannend zu sehen, wie viel Arbeit dahintersteckt», sagt sie. Durch das Herstellen der Farben habe sie auch ein neues Verständnis für deren Wert.
Den eigenen Interessen nachgehen
Für Jasmine bot der Workshop zudem Anknüpfungspunkte für ihre spätere IDPA. Auf die gemachten Erfahrungen könne sie beispielsweise für Fragestellungen rund um Mode, Farben und deren Wirkung auf Menschen zurückgreifen. Wertvoll sei gewesen, selbst zu experimentieren und unterschiedliche Methoden kennenzulernen.
Die Lernenden sollten in der Woche vor den Herbstferien neue Methoden kennenlernen und erleben, wie verschiedene Fachrichtungen miteinander verbunden werden können. Deutsch und Mathematik, Französisch und Wirtschaft oder Naturwissenschaften und Sprache: Die Projektwoche schuf Raum für Kombinationen, die im regulären Unterricht oft nur begrenzt möglich sind. «Der Vorteil ist, dass die Lernenden die Gelegenheit haben, in interdisziplinäre Projekte hineinzuschauen, die sie interessieren», sagt Jan Sahner, Abteilungsverantwortlicher in der Berufsmaturität für die Schulentwicklung und die BM2flex. «Sie können sich nach ihren Interessen orientieren und lernen völlig neue Themen kennen, die wir sonst in der Schule nicht anbieten können.»
Übernachten auf der Alp
Ein Beispiel dafür ist der Workshop rund um den Alpstein mit den Lehrpersonen Natalie Balsiger-Raimann, Gabriel Gschwend, Anja Nützi und Carol Tanner. Während drei Tagen verbrachte die Gruppe Zeit auf der Hundsteinhütte oberhalb des Fählensees. Dabei beschäftigten sich die Teilnehmenden mit dem Lebensraum Alpen, analysierten historische Dokumente zur Region und untersuchten Gedichte über den Alpstein.
Solche Erlebnisse bleiben laut Jan Sahner oft lange in Erinnerung: Erfahrungen, an die man sich vielleicht auch zehn Jahre später noch erinnert.
Poetry Slam mit Gina Walter
Ein Highlight war auch der Besuch von Slam-Poetin Gina Walter, den Lehrperson Luc Hardmeier im Workshop «Poetry Slam» ermöglichte. Sie ermutigte die Lernenden, ihrer Fantasie freien Lauf zu lassen: Figuren mit Träumen, Wünschen und Beziehungen zu entwickeln und aus deren Perspektive zu schreiben.
Mit Übungen zum automatischen Schreiben sammelten die Teilnehmenden Ideen und Geschichten. Aus alltäglichen Gegenständen entstanden Charaktere und Erzählungen, etwa Regenschirm Tim, der gerne genutzt wird und die Sonne nicht mag.
Weitere Schreibaufgaben verlangten Liebeserklärungen oder leidenschaftliche Beschwerden zu alltäglichen Diskussionsthemen wie Nutella mit oder ohne Butter. Für Workshop-Leiter Luc Hardmeier war die Projektwoche eine Chance, etwas auszuprobieren, das im regulären Unterricht oft zu kurz kommt: «Ich wollte schon immer Poetry Slam machen. Aber im Unterrichtsalltag ist das Programm eng getaktet. Die Projektwoche ist die Chance, etwas Kreatives zu machen, das sonst nicht so Platz hat.»
Spielspass im Klassenzimmer
Einen ganz anderen Zugang bot der Workshop «Alles nur ein Spiel?» von den Lehrpersonen Jan Sahner und Ismael Albertin. Darin beschäftigten sich die Lernenden mit Spieltheorie in Wirtschaft, Politik und Geschichte. Dominic interessierte sich besonders für das Gefangenendilemma, das zeigt, weshalb zwei rationale Akteure oft nicht zusammenarbeiten, obwohl dies für beide die beste Lösung wäre. Als mögliches IDPA-Thema könnte sich in diesem Zusammenhang etwa der Preiskampf im Schweizer Mobilfunkmarkt und die Rabattstrategien verschiedener Anbieter eignen.
Auch Benjamin zog ein positives Fazit. Da er sich generell für Spiele interessiert, war die Wahl des Workshops für ihn naheliegend. Er bezeichnet die IDA-Woche als willkommene Abwechslung und als spannenden Input für die Themenfindung.
Für Dominik wiederum eröffnete der Workshop einen direkten Bezug zu seinen eigenen Zukunftsplänen. Er möchte später gerne eine Website mit einem Lernspiel für französische Wörter entwickeln. «Da ist es hilfreich, die Spielmechanismen zu kennen», sagt er.
Umfrage-Training in der Stadt
Im Workshop «Parlez-vous français?» von Mechthild Bergmann und Manuel Knüsel übten die Lernenden die Umfragemethode. Berufsmaturandin Lena befragte in der St.Galler Innenstadt Passant:innen zur Frage, ob ältere Personen besser Französisch sprechen als jüngere. «Das hat etwas gebracht. Ich finde es gut, dass wir verschiedene Methoden kennenlernen und Angebote besuchen können, die wir sonst im Unterricht nicht so haben», sagt Lena.
Bei Umfrageergebnissen bedeutet Korrelation nicht automatisch Kausalität. Ihren Workshop begannen Stefan Gehring, Patrick Weber und Silvio Widmer mit der Statistik, dass wer viel Margarine isst, sich im US-Bundesstaat Maine häufiger scheiden lässt. Die Lernenden entwickelten anschliessend eine eigene Umfrage zum Workshopthema «Stress, Zufriedenheit und Lohn». Sie sammelten Daten in der Stadt St.Gallen und untersuchten, wie Einkommen, Stress und Zufriedenheit zusammenhängen.
Run auf Workshops
Die grosse Nachfrage auf das Workshopangebot zeigt, dass das Konzept der neuen IDA-Projektwoche auf Interesse stösst. Die Mehrheit der Workshops waren bereits kurz nach der Freischaltung ausgebucht. Viele Lernende stellten den Wecker, um sich ab 6 Uhr morgens anmelden zu können. Die Erfahrungen aus diesem Jahr sollen nun genutzt werden, um die Anmeldung weiterzuentwickeln.
Denkbar sind beispielsweise Präferenzen und anschliessende Zuteilungen, damit in einem Jahr möglichst viele Lernende einen Platz in ihren Wunschworkshops erhalten. Zusammen mit Lernenden der Informatikmittelschule am GBS St.Gallen (IMS-T) wird ein neues Auswahltool evaluiert.
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