Handlungsorientierter Unterricht in den Elektroberufen – das GBS St.Gallen ist startklar
Die Bildungsreform modernisiert die Grundbildungen Elektroinstallateur:in EFZ, Elektroplaner:in EFZ und Montage-Elektriker:in EFZ. Ausbildungsinhalte werden an moderne Anforderungen wie erneuerbare Energien, smarte Gebäude und digitale Planungstools angepasst. Im Berufskundeunterricht an Berufsfachschulen wie dem GBS St.Gallen werden die bisherigen Fächer durch praxisorientierte Handlungsbereiche mit Bezug zu einem Referenzgebäude ersetzt.
Als Branchen- und Arbeitgeberverband für Elektro-Installationsfirmen in der Schweiz und Liechtenstein leitet EIT.swiss das Projekt zur Revision der Berufsbildung, bekannt als Projekt BiVo2022+.
Seit Anfang Jahr wurden mehrere Informationsveranstaltungen in den «EIT.swiss»-Sektionen durchgeführt, an denen über die neuen Bildungsverordnungen orientiert wurde. Die betroffenen Akteure wurden über die wesentlichen Neuerungen, Hintergründe und Umsetzungsschritte informiert. In der Region St.Gallen ist GBS-Fachbereichsleiter Marcel Mittelholzer als Projektleiter zentrale Ansprechperson für die operative Umsetzung der Reform.
Marcel, am GBS St.Gallen werden die ersten Lernenden der Berufe Elektroinstallateur:in EFZ, Elektroplaner:in EFZ, Montage-Elektriker:in EFZ nach der neuen Bildungsreform unterrichtet. Wie schätzt du die Änderungen, welche die BiVo2022+ mit sich bringt, ein?
Marcel Mittelholzer, Fachbereichsleiter GBS St.Gallen: Die BiVo 2022+ bringt einen grossen Wandel mit sich – weg vom klassischen, fächerorientierten Unterricht hin zu einem handlungsorientierten Unterricht an den Berufsfachschulen. Darin sehe ich eine grosse Chance. Es bietet die Möglichkeit, vieles neu zu denken, bestehende Strukturen zu überarbeiten und den Unterricht auf den neuesten Stand zu bringen. Gleichzeitig eröffnet dieser Wandel auch einen wichtigen Perspektivenwechsel.
Was ist mit dem Perspektivenwechsel gemeint?
Ich mache ein Beispiel anhand des Montage-Elektrikers: Die Lerninhalte werden nicht mehr isoliert vermittelt, sondern thematisch und praxisnah miteinander verknüpft. So steht im ersten Lehrjahr beispielsweise der Installationsplan im Mittelpunkt, im zweiten Lehrjahr das Prinzipschema und später weitere technische Dokumentationen wie etwa Stromlaufschemata. Die Themen bauen dabei aufeinander auf und werden passend zum jeweiligen Ausbildungsstand vertieft. Zudem arbeiten die Lernenden während der gesamten Lehre mit demselben Referenzobjekt. Beim Montage-Elektriker ist dies ein Wohnhaus, während Elektroinstallateure:innen oder Elektroplaner:innen zusätzlich auch grössere Gebäude wie Gewerbe- und Industrieanlagen, Trafostationen oder Mittelspannungsanlagen behandeln.
Die Lernenden bewegen sich dabei immer wieder innerhalb desselben Hauses?
Ja, mal wird die Küche betrachtet, später der Technikraum oder die Verteilungen. Dadurch entsteht ein durchgängiges Gesamtbild. Die Lernenden können jederzeit nachvollziehen, wo sie sich innerhalb des Projekts befinden und neue Inhalte mit bereits Gelerntem verknüpfen. Genau darin liegt der Unterschied zum bisherigen, fächerorientierten Bildungsplan. Aber: Sowohl Lernende als auch Lehrpersonen müssen zuerst Erfahrungen sammeln und sich an die neue Unterrichtsstruktur gewöhnen.
Welche Herausforderungen vermutest du zum Start?
Im alten System könnte es den Lernenden teilweise einfacher gefallen sein, Unterrichtsinhalte einzuordnen, weil sie Fächer wie Mathematik oder Physik aus der Oberstufe kannten. Im neuen Modell begegnen sie stattdessen den verschiedenen Handlungskompetenzbereichen. Das kann zu Beginn anspruchsvoll sein, weil sich die Themen nicht mehr klar voneinander abgrenzen, sondern miteinander verknüpft werden. Gerade am Anfang besteht die Herausforderung darin, den Überblick zu behalten. Ich bin mir aber sicher: Je mehr praktische Erfahrungen die Lernenden auf der Baustelle sammeln, desto einfacher wird es für sie, das Gelernte miteinander zu verknüpfen und ein Gesamtverständnis aufzubauen. Langfristig hat das neue System das Potenzial, nachhaltiger und praxisnäher zu funktionieren.
Wie werden sich die Prüfungen verändern?
Es wird weniger klassische schriftliche Prüfungen geben als bisher. Stattdessen rücken praxisnahe Leistungsnachweise stärker in den Vordergrund. Künftig werden vermehrt Projektarbeiten durchgeführt sowie mündliche Gespräche und Präsentationen integriert. Dazu gehören beispielsweise Kundengespräche, das Präsentieren von Aufträgen oder Interviews mit dem Sicherheitsbeauftragten eines Unternehmens. Ziel ist es, reale Situationen aus dem Berufsalltag stärker in die Beurteilung einzubeziehen.
Bei einem Projekt in der Grössendimension der BiVo2022+ sind viele Expert:innen involviert. Wie erlebst du diese Zusammenarbeit auf kantonaler Ebene? Die Erarbeitung der neuen Konzepte und Unterrichtsunterlagen erforderte einen hohen zeitlichen Aufwand seitens der Arbeitsgruppe und der einzelnen Lehrpersonen. Schliesslich müssen gleich mehrere Berufe überarbeitet werden. Alle Beteiligten engagieren sich mit viel Herzblut und leisten dabei mehr, als ursprünglich im Arbeitspensum vorgesehen war. Ihnen gilt ein grosser Dank!
Zum ersten Mal wurde im Kanton St.Gallen bei den Elektroberufen eine gemeinsame Arbeitsgruppe mit den Berufsfachschulen in Wattwil, Buchs und am GBS St.Gallen sowie den ÜK-Verantwortlichen gebildet. Gemeinsam haben wir geprüft, wie sich die zeitlichen Abläufe und Lerninhalte optimal aufeinander abstimmen lassen. Eine solche enge Lernortkooperation hat es bisher noch nie gegeben. Die Arbeitsgruppe hat sich zum Beispiel bewusst dafür entschieden, sämtliche Unterlagen und den Unterricht möglichst handlungsorientiert aufzubauen. Heute steht bereits das erste Lehrjahr mit den entsprechenden Lernthemen bereit. Die Arbeitsgruppe wird ihre Arbeit in den kommenden Jahren bis ins vierte Lehrjahr weiterführen und die gesamte Überarbeitung laufend begleiten und weiterentwickeln.
Wie hast du deine Kolleginnen und Kollegen am GBS St.Gallen auf dem Laufenden gehalten, damit sie gut vorbereitet ins neue Schuljahr starten können? Der eigentliche Startschuss zur Bildungsreform fiel im August 2025 mit einem Webinar von EIT.swiss. Definitiv freigegeben wurden die Unterlagen im Januar dieses Jahres. Auch danach gab es noch verschiedene Anpassungen. Um den Informationsfluss sicherzustellen, wurden sämtliche Unterlagen und Informationen aus der nationalen und kantonalen Arbeitsgruppe transparent in Microsoft Teams abgelegt, sodass alle GBS-Lehrpersonen jederzeit Zugriff darauf hatten. Bereits im Oktober fand zudem eine Kick-off-Sitzung bei uns im Riethüsli statt, an der das neue Konzept vorgestellt und erste Abläufe aufgezeigt wurden. Gleichzeitig wurde im Team eine erste Standortbestimmung vorgenommen: Wie steht das Kollegium zum neuen System und wie wird der Wechsel wahrgenommen?
Das bedeutet, alle konnten von Beginn weg an der Unterrichtsplanung mitwirken?
Ja, wir haben Aufgaben verteilt und einzelne Themenbereiche untereinander zugeteilt. Vor den Sommerferien befand sich das Team noch in den letzten Feinarbeiten der detaillierten Unterrichtsplanungen. Im ersten Lernthema arbeiten die Montage-Elektriker:innen EFZ beispielsweise während 34 Lektionen an insgesamt fünf Teilsituationen. Zu Beginn geht es darum, einen Installationsplan korrekt zu interpretieren. Dabei lernen die Lernenden unter anderem die Symbolik kennen und erkennen verschiedene Wandarten wie Beton oder Sandstein. In den weiteren Teilsituationen erfolgt schrittweise eine Vertiefung der Inhalte. So werden beispielsweise Lampenschaltungen und Lampenstellen behandelt. In der letzten Teilsituation kommen zusätzlich auch Messungen dazu. Jede Teilsituation wird dabei thematisch abgeschlossen, bevor die nächste beginnt.