Nachteilsausgleich schafft faire Bedingungen
In der Abteilung Berufsmaturität am GBS St.Gallen nimmt die Anzahl der Lernenden mit einem Nachteilsausgleich zu. GBS-Lehrperson Gabriel Gschwend spricht im Interview über Chancengleichheit und die Herausforderungen, die Nachteilsausgleiche im Schulalltag mit sich bringen.
Was ist ein Nachteilsausgleich?
Auch Lernende mit einer gesundheitlichen Beeinträchtigung, chronischen Erkrankung oder spezifischen Lernstörungen sollen eine ihnen angemessene Ausbildung erhalten. Über einen sogenannten Nachteilsausgleich werden die äusseren Bedingungen im Unterricht sowie bei Leistungsnachweisen so angepasst, dass sie gleichwertige Bedingungen erhalten. Das Ziel dieser Massnahme ist es, Chancengleichheit herzustellen, ohne dabei die geltenden Lernziele oder das fachliche Niveau abzusenken.
Die Genehmigung solcher Anpassungen richtet sich nach den Vorgaben des jeweiligen Kantons. Wichtig ist, dass die vorhandenen Einschränkungen direkt zu Beginn der Ausbildung abgeklärt werden oder sobald sich Hinweise auf eine Einschränkung zeigen. Die erste Anlaufstelle für Betroffene ist hierbei meistens die eigene Klassenlehrperson.
Um die Unterstützung für die reguläre Schulzeit offiziell zu beantragen, muss das kantonale Formular eingereicht werden. Diesem Gesuch ist eine aktuelle ärztliche Diagnose oder ein schulpsychologischer Bericht beizulegen.
Gabriel, welche Bedeutung haben Nachteilsausgleiche für die Chancengerechtigkeit?
Gabriel Gschwend, Abteilungsverantwortlicher Lernende Berufsmaturität an der GBS St.Gallen: Nachteilsausgleiche ermöglichen vielen Menschen überhaupt erst den Zugang zur Berufsmaturität und später zu einer tertiären Ausbildung. Der Nachteilsausgleich soll gesundheitlich bedingte Beeinträchtigungen ausgleichen. Dabei geht es nicht darum, schlechtere Leistungen zu kompensieren, sondern bestehende Nachteile. Auch leistungsstarke Lernende können beispielsweise mit ADHS leben. Ohne Nachteilsausgleich würden sie ihr tatsächliches Potenzial möglicherweise nicht ausschöpfen. Aus meiner Sicht trägt der Nachteilsausgleich deshalb in vielen Fällen zu mehr Chancengerechtigkeit bei.
Wie werden Nachteilsausgleiche an der Berufsmaturität konkret umgesetzt?
Am häufigsten geht es um Zeitverlängerungen. Hinzu kommen technische Hilfsmittel wie ein Computer mit Rechtschreibunterstützung, vergrösserte Prüfungsunterlagen bei Sehbeeinträchtigungen oder Gehörschutz und Stellwände, um Ablenkungen zu reduzieren. Je nach Beeinträchtigung können auch Verständnisfragen während einer Prüfung geklärt werden. Die Massnahmen werden auf Antrag von Fachpersonen wie Therapeut:innen oder Ärzt:innen beurteilt und vom Amt für Berufsbildung verfügt. Heute wird darauf geachtet, dass die Regelungen möglichst einheitlich und im Schulalltag praktikabel sind.
Wie sieht der Austausch mit dem Berufsbildungsamt aus?
Der Dialog mit dem Berufsbildungsamt funktioniert meiner Meinung nach gut. Früher führten die Abklärungen teilweise zu unterschiedlichen Regelungen: Manche Lernende erhielten zehn Prozent mehr Prüfungszeit, andere zwanzig oder dreissig Prozent. Hinzu kamen individuelle Wünsche wie separate Prüfungsräume oder besondere Aufsichtsformen, was organisatorisch kaum mehr umsetzbar war. Heute wird bei besonderen Anliegen gemeinsam geprüft, welche Lösungen sich im Schulalltag realistisch umsetzen lassen. Manchmal gibt es auch sinnvolle Alternativen: Statt eines separaten Raums können beispielsweise Gehörschutz oder Stellwände eingesetzt werden, um Ablenkungen zu reduzieren.
Betreffen Nachteilsausgleiche nur Prüfungen?
Nein. Auch im Unterricht werden Anpassungen vorgenommen. Lernende mit Sehbeeinträchtigung erhalten beispielsweise einen geeigneten Sitzplatz und gut lesbare Unterlagen. Bei ADHS können regelmässige Pausen hilfreich sein. Gleichzeitig ist es wichtig, dass die Betroffenen ihre Bedürfnisse selbst ansprechen, also das Gespräch mit den Lehrpersonen nicht scheuen.
Wie gut lassen sich diese Massnahmen in den Schulalltag integrieren?
Im Unterricht ist der Aufwand meist überschaubar. Grösser wird er bei Prüfungen. Zusätzliche Prüfungszeit, separate Räume oder individuelle Betreuung erfordern mehr Personal und Organisation. Hinzu kommt, dass Lehrpersonen aus Datenschutzgründen nicht erklären dürfen, weshalb einzelne Lernende besondere Regelungen erhalten. Das zu vermitteln, kann gegenüber der Klasse anspruchsvoll sein. Gleichzeitig stellen sich gesellschaftliche Fragen.
Welche gesellschaftlichen Fragen stellen sich deiner Meinung nach?
Es bleibt offen, wie weit Nachteilsausgleiche in Ausbildung und Beruf reichen sollen. Ich finde es aber ermutigend zu sehen, wie verantwortungsvoll viele Betroffene mit dem Nachteilsausgleich umgehen. Von Hochschulen höre ich immer wieder, dass Studierende den Nachteilsausgleich während der theoretischen Ausbildung selbstverständlich nutzen, im Praktikum jedoch oft bewusst darauf verzichten, obwohl sie auch dort Anspruch darauf hätten. Sie sagen: «Im Berufsalltag muss ich ohne diese Unterstützung bestehen können.» Am Ende profitiert in der Regel die ganze Gesellschaft. Viele setzen den Nachteilsausgleich also reflektiert ein. Sie nutzen ihn dort, wo er für faire Bedingungen sorgt, und überlegen sich gleichzeitig, was ihnen langfristig für ihren Berufsalltag hilft.