Neue Bildungsverordnung: Der erste Jahrgang der Laborant:innen überzeugt
Wie Versuchskaninchen fühlten sich die Laborantinnen und Laboranten – halb im Ernst, halb im Scherz. Die ersten Klassen, deren gesamte Ausbildung handlungskompetenzorientiert aufgebaut war, haben das Qualifikationsverfahren erfolgreich abgeschlossen. Ein Blick auf die Resultate zeigt: Die 23 Chemielaborant:innen und sieben Textillaborant:innen erzielten starke Abschlüsse. GBS-Fachbereichsleiterin Jasmin Fässler spricht im Interview über die Umsetzung der neuen Bildungsverordnung.
Jasmin, wie fällt dein Fazit nach dem ersten Abschlussjahrgang aus?
Jasmin Fässler, Fachbereichsleiterin Laborant:innen EFZ am GBS St.Gallen und Projektleiterin bei der Umsetzung der neuen Bildungsverordnung: Die Leistungen am Qualifikationsverfahren haben unsere Erwartungen übertroffen. Gleichzeitig haben wir von Lernenden, Berufsbildner:innen und Chefexpert:innen viele gute Rückmeldungen erhalten. Besonders freut mich, dass sich bestätigt hat, was wir von Anfang an gehofft hatten: Die Lernenden können die Theorie besser in die Praxis übertragen.
Was war die grösste Herausforderung bei der Umsetzung?
Wir mussten praktisch alles neu entwickeln. Insgesamt haben wir über 1600 Lektionen neu konzipiert und für eine Fachrichtung rund 3500 bis 4000 Seiten Unterrichtsunterlagen erstellt. Vieles entstand kurzfristig und wurde laufend verbessert. Gleichzeitig hatten wir als einzige Berufsfachschule der Schweiz mit den Fachrichtungen Chemie und Textil eine Ausgangslage, die niemand sonst hatte. Deshalb konnten wir uns nur begrenzt mit anderen Schulen austauschen.
Die Vorgabe im Kanton St.Gallen ist, dass die Lernenden der beiden Fachrichtungen Chemie und Textil die Hälfte des Unterrichts gemeinsam bestreiten.
Wir müssen mit beiden Fachrichtungen dasselbe machen, das heisst Kompetenzen wie Vorbereitung, Auswertung und Organisation werden fachrichtungsübergreifend bearbeitet, obwohl die dazwischenliegende Durchführung unterschiedlich ist. Zunächst hatten wir dafür nicht wirklich eine gute Lösung, haben aber versucht, dies so gut wie möglich umzusetzen. Bereits nach wenigen Wochen Unterricht nach dem neuen Modell hatten wir Ideen, wie wir die Vorgaben umsetzen und trotzdem die unterschiedlichen Handlungen ins Zentrum stellen können. So haben wir nach einem halben Jahr die Begriffe Basiskompetenzen und Fachkompetenzen eingeführt und Klarheit geschafft, was darin enthalten ist. In den Basiskompetenzen lernen alle gemeinsam dieselben Inhalte, die Fachkompetenzen sind auf die Fachrichtungen Chemie oder Textil zugeschnitten. So konnten wir die Vorgaben der Bildungsverordnung einhalten und trotzdem immer vollständige Handlungssituationen vermitteln.
Wie haben die Lernenden auf den neuen Unterricht reagiert?
Die Praxis in den Lehrbetrieben ist sehr unterschiedlich. Deshalb hörten wir anfangs oft: «Das brauchen wir bei uns im Betrieb gar nie.» Gerade daraus entstanden aber spannende Diskussionen. Die Lernenden merkten, dass andere Betriebe ganz anders arbeiten. Am Ende war das schönste Feedback, dass es gar nicht darum gehe, jede einzelne Praxissituation bereits gesehen zu haben. Entscheidend sei, gelernt zu haben, wie man neue Situationen systematisch analysiert und löst. Sie haben gelernt, welche Fragen sie sich bei Praxissituationen stellen müssen.
Welche Rolle spielte die Zusammenarbeit mit den Betrieben?
Sie war sehr wichtig. Gleichzeitig haben wir gemerkt, dass wir die Geheimhaltungsvorgaben vieler Unternehmen unterschätzt hatten. Deshalb haben wir den Fokus stärker auf die überbetrieblichen Kurse gelegt. Dort erleben alle Lernenden dieselben Situationen. Den Austausch mit den Betrieben und den üK-Verantwortlichen wollen wir weiter ausbauen.
Wo siehst du noch Verbesserungspotenzial?
Handlungskompetenzorientiert zu prüfen ist anspruchsvoll. Prüfungen müssen fair, objektiv und praxisnah sein. Dafür braucht es viel Abstimmung unter den Lehrpersonen. Wir haben dafür bereits gute Lösungen gefunden, werden diese aber laufend weiterentwickeln.
Gibt es eine Episode, die dir besonders geblieben ist?
Ich habe kistenweise Schokoladenstängeli verteilt. Weil viele Unterlagen unter Zeitdruck entstanden sind, bekamen die Lernenden für jeden gefundenen Fehler ein «Prügeli». So wurden sie zu unseren Korrekturleserinnen und Korrekturlesern. Das war gelebte Fehlerkultur. Die ersten Lernenden, die im Sommer 2023 gestartet sind, sahen sich auch als Versuchskaninchen.
Zu Recht?
Ein Stück weit schon. Wir haben neue Begriffe wie Basis- und Fachkompetenzen eingeführt, Unterrichtsformen angepasst und vieles unterwegs verändert. Die Lernenden haben diese Entwicklung mitgetragen. Rückblickend staune ich selbst, dass wir das alles geschafft haben. Allen Kolleginnen und Kollegen, die aufs neue Schuljahr hin die neue Bildungsverordnung umsetzen müssen, kann ich aber sagen: Man hat Spielraum bei der Umsetzung. Diesen sollte man so gestalten, dass der Transfer von der Theorie in die Praxis sowie von der Praxis in die Theorie einen echten Mehrwert ermöglicht. Aus unseren ersten Erfahrungen nehmen die Lernenden so deutlich mehr in ihren Alltag mit.