Der Klassenchef – ein menschliches Emotionsbarometer
Was ist wohl die häufigste Antwort auf die Frage, weshalb jemand das Amt des/der Klassenchefs/-in übernommen hat? «Niemand anders hat sich gemeldet. Also bin ich in die Bresche gesprungen», sagt etwa Tobias Graber, Absolvent des Studiums Bauplanung HF. Dabei ist diese Funktion für das Zusammenleben an der Baukaderschule St.Gallen enorm wichtig.
Pünktlich zum Start der neuen Lehrgänge werden die Klassensprecher/-innen gewählt. Bruno Mitterer, Leiter der Baukaderschule St.Gallen, vergleicht das Amt mit demjenigen eines Fussball-Captains. «Oder um es in der Bausprache zu formulieren: Sie sind Brückenbauer/-innen», erklärt Bruno Mitterer. Sechs Semester lang nahm Tobias Graber diese Funktion als Bindeglied zwischen der Klasse und der Studienleitung wahr. Er vertrat die Interessen der Studierenden des berufsbegleitenden Lehrgangs Bauplanung HF mit Studienrichtung Architektur.
Tobias Graber sah sich als Emotionsbarometer. Er erklärt: «Wenn es gut läuft, ist die Stimmung innerhalb der Klasse gut. Wenn aber ein Programm nicht funktionierte oder wir mit dem Unterricht unzufrieden waren, galt es darüber zu diskutieren, wie wir unser Anliegen am besten kommunizieren. Wie überbringt man die Kritik, damit sie konstruktiv ist?»
Schule in Gambia gebaut
Diese Frage kommt unweigerlich auch in Tobias Grabers Berufsalltag oft auf. Als Bauplaner übernimmt er komplexe Aufgaben der Bauleitung und ist zuständig für die Bereiche Konstruktion, Planung und Administration. «Das Schöne an unserer Branche ist, dass aus einer Idee etwas Reales entsteht. Das bleibt über Generationen hinweg bestehen», erklärt er seine Faszination für den Bau.
Seine Leidenschaft hat ihn auch nach Gambia geführt. In Westafrika entstand unter seiner Leitung eine Gewerbeschule. Damit das NGO-Projekt mit den Bauarbeitern vor Ort ein Erfolg wurde, benötigte es kommunikatives Geschick und Einfühlungsvermögen. «Es ist eine andere Kultur. Hier wird viel improvisiert und wir haben mit Materialien gearbeitet, die ich sonst nicht verwende», schildert Tobias Graber.
Miteinander unterwegs
Weitaus weniger improvisiert wurde während den drei Jahren an der Baukaderschule St.Gallen. Tobias Graber kam gelegen, dass er sich mit dem theoretischen Aspekt seiner beruflichen Tätigkeit auseinandersetzen konnte. «Ein weiterer Vorteil waren die unterschiedlichen Werdegänge der Mitstudierenden. Wir konnten uns gut austauschen», ergänzt er.
Die Diskussionskultur untereinander ist Bruno Mitterer sehr wichtig. Bei der Begrüssung der neuen Studierenden erwähnt er jeweils: «Die gesamte Klasse und die Lehrpersonen sollen sich auf Augenhöhe untereinander austauschen und gegenseitig voneinander profitieren. Es sollen sich keine Grüppchen bilden. Wir machen die Ausbildung gemeinsam, wir sind miteinander unterwegs.» Gerade im Hinblick auf den fürs Selbststudium anfallenden Lernstoff ist Teamwork ein wichtiges Puzzleteil.
Da die Weiterbildung von Tobias Grabers Klasse mitten während der Pandemie startete, war es besonders schwierig, von Anfang an einen Zusammenhalt zu entwickeln. Geduld und Durchhaltewillen seien erforderlich gewesen. Spätestens an der Diplomfeier zahlte sich das aus. Die Bauplaner/-innen nahmen strahlend ihr Diplom entgegen und Tobias Graber erhielt als Zeichen der Wertschätzung eine Flasche Wein und ein Sackmesser überreicht. Darauf ist «Klassenchef» eingraviert. Praktisch, dass das Sackmesser mit einem Zapfenzieher ausgestattet ist… So lässt sich schneller mit der Klasse anstossen.