Von Fotograf Meinrad Schade lernen
Meinrad Schade ist als Fotograf an jenen Orten tätig, wo der Krieg schon zu Ende ist. Seine Aufnahmen aus Israel, Kasachstan oder Tschetschenien zeigen weder Gefechte noch Blut. Der Thurgauer macht sichtbar, wie lange ein Krieg nach seinem Ende den Alltag der Menschen noch prägt. Von Meinrad Schade konnten die Studierenden des Lehrgangs Foto HF enorm profitieren, gerade in Bezug auf Recherchen.
Langzeitprojekte wie «Krieg ohne Krieg» und gibt sein Wissen regelmässig weiter. An der Schule für Gestaltung St.Gallen dozierte er grob gesagt über den Unterschied zwischen Profi- und Amateur-Fotograf. Er erklärt: «Kurz zusammengefasst, habe ich das so vermittelt: Der Amateur fotografiert und zwischen dem eigentlichen Fotografieren passiert zwar ganz viel, aber das hat nichts mit dem Fotografieren zu tun.»
Beim Profi hingegen passiere dazwischen Relevantes wie sich mit der eigenen Fotografie beschäftigen, Bilder editieren oder sich in ein Thema einlesen. «Diese Aufzählung ist unvollständig», bemerkt Meinrad Schade. Er selbst verweist in umfassenden Reportagen auf die Spuren des Krieges in den Dörfern und in den Seelen der betroffenen Menschen. Ein solches Endergebnis setzt einen hohen Recherche-Aufwand voraus.
Meinrad, weshalb beschäftigst du dich mit dem von dir genannten Phänomen «Krieg ohne Krieg»?
Meinrad Schade: Mich beschäftigt, wie ewig lange die Schockwellen eines Krieges nachhallen. Wie lange geht es, bis all die Wunden geheilt sind? Wohl viel länger als uns allen recht ist. Wir alle sehnen uns nach dem Ende des Krieges gegen die Ukraine. Wenn er denn mal beendet sein sollte, fängt die Verarbeitung erst richtig an und die dauert dann wohl Jahrzehnte, wenn nicht gar Jahrhunderte.
Wie verarbeitest du das Elend, das du an den Kriegsschauplätzen siehst?
Das kann man als Schweizer gut verarbeiten, weil man immer weiss, dass man in die heile Welt zurück kann. Und ich habe in diesem Elend, wobei ich dazu betonen muss, dass ich noch nie ganz nahe an einem Krieg war, so viel unendlich starke Menschen angetroffen, dass man sich selbst sehr schnell als schwach und wenig resilient betrachtet.
Wo denkst du, hatten die Studierenden während deines Besuches bei uns das grösste Aha-Erlebnis?
Ich hoffe, bei einer Übung zum Thema Recherche. Es ging darum zu zeigen, dass Googeln zwar Resultate liefern kann, aber dass in gewissen Fällen der direkte Kontakt viel effektiver und interessanter ist. Also ein Telefon oder ein Treffen.
Worauf kommt es bei der Recherche für eine Fotografin und einen Fotografen besonders an?
Ich habe den Begriff der Recherche sehr weit gefasst. Recherche ist ja nichts anderes, als etwas herauszufinden. In unserem Falle natürlich etwas, das für unsere Arbeit als Fotograf/-in relevant ist. Allgemein formuliert würde ich sagen, dass es beim Profi darum geht, seine eigene Arbeit in Relation zu setzen. Dies geschieht durch Austausch, durch Reibung – und die erzielt man auf verschiedene Art und Weise. Nicht zu vergessen, das kollektive Bildgedächtnis. Wir müssen uns bewusst sein, was durch unsere Bilder getriggert wird…
Wie entwickeln Fotografen ihre eigene Bildsprache?
Auf die Gefahr hin, dass ich mich wiederhole: Man sucht sich Vorbilder und fragt sich, warum einem eine entsprechende Arbeit und Bildsprache gefällt. Bereits das ist eine sehr komplexe Frage, die natürlich weit umfassender ist als «findi no schön». Es geht dabei ja auch darum, sich selbst kennenzulernen. Welche fotografische Herangehensweise gefällt und liegt mir?
Wie meinst du das?
Ich musste auch mal erkennen, dass mir gewisse Fotoarbeiten zwar gefallen, aber dass ich das nie so machen könnte. Es ist also ein ständiges Abgleichen mit fremden Ansätzen und eigenen, die sich austauschen, befruchten und im besten Falle zu etwas Eigenem werden. Alles in allem aber auch sehr aufwändig und ab und zu auch anstrengend.
Was ist dein nächstes Projekt?
Das nächste Kapitel meines Langzeitprojekts ist: «Krieg im Film». Dabei handelt es sich noch um den Arbeitstitel. Ich möchte das Making-Of von ca. fünf verschiedenen Filmproduktionen (fiction) in denen der oder ein Krieg eine tragende Rolle spielt, dokumentieren.