Auf Schnipsel-Jagd im Sitterwerk
Über 3000 Schnipsel der Künstlerin Helen Pinkus-Rymann sollen im Sitterwerk in St. Gallen zugänglich gemacht werden. Diesem Projekt nahmen sich die Studierenden der Schule für Gestaltung St.Gallen an. Sie untersuchten, wie das Archiv in die dynamische Ordnung der Bibliothek integriert und für Besucherinnen und Besucher ideal nutzbar werden kann. Die in verschiedenen Gruppen aufgeteilten Industrial Designer/-innen, Interactive Media Designer/-innen und Visuelle Gestalter/-innen entwickelten konkrete Ansätze, die Stöbern und digitale Entdeckungen miteinander verbinden.
Die «Sammlung für Helen – Im Entstehen». Das Projekt des Sitterwerks ist eine archivarische Sammlung der Grafikerin und Künstlerin Helen Pinkus-Rymann, die überwiegend aus Zeitungsausschnitten und Magazinen besteht. Dazu enthält sie Flugblätter, Flyer, Werbeanzeigen, Texte, Zeichnungen und einzelne Objekte. Für Helen Pinkus-Rymann war und ist dieses Archiv ein Nachschlagewerk und Inspiration für ihr Arbeiten. Es kommen laufend weitere Inhalte hinzu.
Im Rahmen eines mehrwöchigen Projekts haben Studierende aus den HF-Lehrgängen Visuelle Gestaltung, Interactive Media Design und Industrial Design darüber nachgedacht, wie das Schnipsel-Archiv von Helen Pinkus-Rymann in die dynamische Ordnung des Sitterwerks aufgenommen werden kann.
Das Ziel der acht Gruppen: Eine Aufbereitung und Archivierung der über 3000 Schnipsel, die einerseits wissenschaftliches Arbeiten ermöglicht und andererseits den Charakter des Stöberns bewahrt. Vom Ergebnis ist Vasilis Kotarelas, Dozent Interactive Media Design HF, begeistert: «In kurzer Zeit ist hier etwas Grossartiges entstanden. Die Studierenden aller drei Lehrgänge haben aufgrund ihrer ähnlichen Affinität zur Gestaltung hervorragend zusammengearbeitet.» Vasilis Kotarelas coachte gemeinsam mit Markus Pawlick (Lehrgangsleiter Industrial Design HF) und Daniel Rother (Dozent Visuelle Gestaltung HF) das Projekt und gab während der Gespräche sowie nach der Zwischenpräsentation bereits erste Rückmeldungen.
Online-Katalog: Schnipsel neu erleben
Bei den abschliessenden Präsentationen zeichnete sich rasch ab, dass sich die einzelnen Gruppen besonders in einem Punkt einig waren: Damit sich das Schnipsel-Archiv nahtlos einfügt, orientiert sich das Farbschema an den erdigen, ruhigen Tönen des Sitterwerks. So bleibt die Gestaltung dezent und stimmig, ohne vom Inhalt abzulenken.
Bei der digitalen Lösung, der Paradedisziplin der angehenden Interactive Media Designer/-innen, wurden unterschiedliche Ansätze verfolgt. Ein Team lässt die User durch die Schnipsel im Katalog scrollen, ein anderes bietet eine integrierte KI-Suchfunktion als Unterstützung an. Ein zusätzlicher Vorschlag war, dass sich eigene Sammlungen mit wenigen Klicks zusammenstellen lassen, um Themen oder Inspirationen individuell zu ordnen.
Ein anderer Ansatz, der vorgestellt wurde, ist, dass die Schnipsel bei jedem neuen Aufruf in neuen Kombinationen angezeigt werden. Dadurch entsteht bei jedem Besuch eine andere, überraschende Erfahrung.
Eine willkommene Zusammenarbeit
Den Austausch mit den Studierenden aus den anderen HF-Weiterbildungen empfand Yvonne Held als sehr bereichernd. «Es findet eine Vernetzung zwischen mir bislang weniger bekannten Gestaltungsbereichen statt», sagt die Industrial Designerin im vierten Semester. Ihr Team entschied sich für ein Hängesystem. Die Mäppchen mit den einzelnen Schnipseln hängen am Metallbügeln von der Decke. Farbcodierung und RFID-Chips sorgen für Ordnung. Der Hängebereich kann heruntergelassen oder hochgezogen werden und schafft so flexible Arbeits- und Rechercheflächen.
Yvonne Held hätte gerne schon zu Beginn ihres Studiums mit den Visuellen Gestalter/-innen und den Interactive Media Designer/-innen zusammengearbeitet. Sie erklärt: «Ein erstes Kennenlernen hätte es vereinfacht, aufeinander zuzugehen und bei Semesterprojekten um Unterstützung zu bitten.» Interactive Media Designer Lucas Dierauer ist gleicher Meinung. Er sagt: «Diese interdisziplinäre Projektarbeit ist wichtig und richtig. Wie Teamarbeit erfolgreich gelingt, ähnelt grundsätzlich den Gruppenarbeiten während des Semesters.»
Zeitschriftensäule, Sticker und ein Tisch
Die vorgestellten Ideen zeigen, was entsteht, wenn man eine Frage aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet. Eine Gruppe spricht zum Beispiel bewusst vom Grafik-Archiv, weil Schnipsel oft mit Abfall in Verbindung gebracht werden. Sie schlägt transparente Plexiglas-Schuber oder Boxen vor, die wie Bücher ins Regal gestellt und nach Kategorien sortiert werden. Ein anderes Team macht eine Zeitschriftensäule beliebt, inspiriert vom Kiosk. Statt ins Regal integriert zu werden, bekommt das Schnipsel-Archiv einen eigenen Platz im Raum.
Industrial Designer Stefan Gmür stellte einen multifunktionalen Arbeitstisch mit 16 Ordnern nach Telefonbuch-Prinzip, integriertem Bildschirm und Platz für Laptops vor. «Die Installation lädt Jung und Alt ein, Schnipsel analog zu durchstöbern und digital gezielt zu suchen», erklärt Stefan Gmür, der mit seiner Klasse bereits am «DigiCamp» der Interkantonalen Hochschule für Heilpädagogik teilnahm. Damals wurden interdisziplinär Lösungen für Alltagsprobleme bei komplexen Behinderungen gesucht und gefunden (mehr dazu).
Den Gedanken der Interaktion verfolgte die Gruppe um die Visuelle Gestalterin Nalin Rosskopf. Nutzer/-innen des Schnipsel-Archivs sollen ihre eigenen Gedanken als Sticker platzieren können. So entsteht eine persönliche Ebene, die Vielfältigkeit der Inhalte wird sichtbar, und neue Kombinationsmöglichkeiten der Schnipsel entstehen. Nalin Rosskopf zieht nach den interdisziplinären Projekttagen ein positives Fazit: «Es war toll, die Chance zu haben, ein Projekt in einem grösseren Umfeld umzusetzen. Ich bin gespannt, wie das Sitterwerk unsere Ideen weiterführt.»