Ein Tabu erfolgreich angesprochen: Freier Zugang zu Menstruationsprodukten am GBS St.Gallen
St. Gallen bekommt ihre Tage. In ihrer interdisziplinären Projektarbeit (IDPA) geben die Berufsmaturitätsschülerinnen Hanna Schuster, Sara Vetsch und Tonja Merz der Menstruation eine Bühne im öffentlichen Raum. Einen Erfolg kann das Trio bereits für sich verbuchen: Ab 2027 werden an allen GBS-Standorten auf den Toiletten Menstruationsprodukte erhältlich sein.
Ein rotes Zelt. Eine kuschelige Höhle. Im Zentrum des Jugendzentrums Flon konnten Besucher:innen der Ausstellung eine überdimensionale, begehbare Gebärmutter bestaunen. Endlich bekomme das Organ so viel Platz, wie ihm zusteht, finden Hanna Schuster, Sara Vetsch und Tonja Merz. Die Soundinstallation im Innern der Gebärmutter entstand durch eigne Aufnahmen während der Menstruation.
Mit ihrer Rauminstallation «St.Gallen kriegt ihre Tage» wollen die Berufsmaturitätsschülerinnen eine neue künstlerische Perspektive zur monatlichen Blutung geben. Durch diese Sichtbarkeit sollen patriarchale Strukturen abgelöst werden. «Wir sind während einer Mittagspause auf die Idee gekommen. Dieses wichtige Gesellschaftsthema interessiert uns alle», sagt Tonja Merz. Hanna Schuster bilanziert, dass sie alles umsetzen haben können, was sie sich vornahmen. Auch Sara Vetsch ist zufrieden: «Alles ist aufgegangen, nichts ist schief gegangen.»
Unterhosen, bestickt mit Periodenflecken
Bereits im Januar machte das Trio auf seine interdisziplinäre Projektarbeit und die damit verbundene Ausstellung im «Flon» aufmerksam. In der Telefonkabine auf der St. Leonhardsbrücke wiesen Unterhosen, die mit Periodenflecken bestickt sind, auf die viertägige Ausstellung Ende Februar hin.
Die Unterhosen konnten sich die «Flon»-Besucher:innen als Erinnerung im Tausch einer Spende sichern. Um finanzielle Unterstützung baten die BM-Lernenden der Ausrichtung Gestaltung und Kunst, damit die Materialkosten von 300 Franken wieder eingenommen werden konnten. Alle Einnahmen über dem Materialkostenbetrag wurden an das Frauenhaus St.Gallen gespendet.
Freier Zugang zu Menstruationsprodukten
Ausserdem wurden Menstruationsspender an den vier GBS-Standorten Demutstrasse, Davidstrasse, Grütli und Turmgasse installiert, die den Lernenden einen freien Zugang zu Menstruationsprodukten ermöglichen. Die Firma Mensis stellte die Produkte für das Pilotprojekt zur Verfügung, das von den Mitlernenden sehr geschätzt wurde. Tonja Merz erzählt: «Wir haben sehr viele positive Rückmeldungen erhalten. In unserer Umfrage haben die Teilnehmerinnen angegeben, wie wichtig unsere Aktion ist und wie froh sie waren, die Menstruationsprodukte in der Schule nutzen zu können.»
Die IDPA-Gruppe wurde am Standort der Berufsmaturität des GBS St.Gallen, der Davidstrasse, sogar direkt von Mitschülerinnen auf ihre Aktion angesprochen. Ab 2027 werden die Menstruationsspender in allen GBS-Schulhäusern installiert. Dies ist nebst der gut besuchten Ausstellung im «Flon» ein schöner Erfolg.
Keine Alleingänge
Kennengelernt haben sich Sara Vetsch, Tonja Merz und Hanna Schuster während ihrem Vollzeit-Jahr an der Berufsmaturität. «Davor haben wir uns gar nicht gekannt», sagt Sara Vetsch. Als Team hätten sie aber rasch gut funktioniert und seien einer Meinung gewesen. «Charakterlich passt es», sagt sie und Hanna Schuster ergänzt, wie wichtig eine offene Kommunikation gerade während der IDPA gewesen sei. «Wir haben bei allen Entscheidungen immer Rücksprache untereinander gehalten. Es gab keine Alleingänge», sagt die gelernte Zeichnerin Fachrichtung Architektur EFZ.
Die von ihnen besuchte Berufsmaturität der Ausrichtung Gestaltung und Kunst ergänzt die berufliche Grundbildung im gestalterischen Bereich. Sie orientiert sich an praktischen und theoretischen Fragen der Gestaltung und bereitet auf ein Studium an einer Fachhochschule für Design und Kunst vor. Hanna Schuster zieht zum Beispiel eine Weiterbildung im Bereich Raumplanung in Betracht und Sara Vetsch interessiert sich für Objektdesign. Tonja Merz ist über die gestalterische Horizonterweiterung nach ihrer Berufsausbildung als Gemüsegärtnerin EFZ glücklich.
Menstruationsurlaub?
Die Drei sind sich einig, dass es für den Berufsmaturitätsabschluss ein klares Ziel vor Augen bedarf. «Du brauchst diese Motivation und Durchhaltewille», erklärt Hanna Schuster. Diesen Willen haben sie während ihrer IDPA an den Tag gelegt und zum Beispiel Tabufragen wie jene nach einem Menstruationsurlaub aufgeworfen. Soll die eigene Gesundheit zurückgestellt werden, weil im Berufsalltag an jedem Zyklustag Leistung erwartet wird?