Heikle Personalgespräche: Baupoliere vor der eidgenössischen Berufsprüfung
Maurer Markus ist unkonzentriert und schnell gereizt. Auf der Baustelle erreicht er nicht sein gewohntes Leistungsniveau, und gestohlen haben soll er auch noch. Der Baupolier ist gefordert und stellt Markus zur Rede. Ein solch heikles Führungsgespräch dürfen die Baupoliere während der Simulationsprüfung an der Baukaderschule St.Gallen üben. Im Januar an der eidgenössischen Berufsprüfung in Sursee zählt es dann richtig.
Die Simulationsprüfung der Baupoliere ist erfolgreich über die Bühne gegangen. Nach dem schriftlichen Teil in der Aula am GBS-Standort im Riethüsli absolvierten die Studierenden in der Maurerlehrerhalle in Gossau den praktischen Teil (Vermessung, Absteckung) und ein Führungsgespräch. Direkt nach der Prüfung erhielten die Baupoliere von den Experten/-innen Ratschläge im Hinblick auf die eidgenössische Berufsprüfung. «Unser grösstes Interesse ist es, dass alle gut vorbereitet nach Sursee gehen», erklärt Prüfungsexperte Reto Sennhauser.
Mit diesem Fokus auf die bestmögliche Vorbereitung gab es bei der Simulationsprüfung Premieren. Zum ersten Mal mussten die Teilnehmenden im schriftlichen Test anspruchsvolle Baustellensituationen richtig priorisieren und einen Aktionsplan nach dem Eisenhower-Prinzip erstellen. Wenn der Terminplan prall gefüllt ist und der Arbeitsstapel nicht kleiner wird, heisst es für angehende Baupoliere: einmal tief durchatmen.
Was beschäftigt den Mitarbeiter wirklich?
Auch im Führungsgespräch zeigte sich, wie wichtig es ist, Ruhe zu bewahren. Es gilt, bei Mitarbeiter Markus die beobachteten Auffälligkeiten in einem maximal zwölf Minuten langen Gespräch anzusprechen: Müdigkeit, Unkonzentriertheit, gereiztes Verhalten. Ziel ist es, nachzufragen und herauszufinden, was hinter der Veränderung steckt.
Nach einer kurzen Vorbereitungszeit mit eigenen Notizen steigen die Studierenden ins Gespräch ein. Was ist, wenn Markus im Gespräch defensiv reagiert und auf den rauen Umgangston auf der Baustelle verweist? Wie reagiert man als Baupolier, wenn der Maurer mehrmals wissen will, wer ihn des Diebstahls beschuldigt? In solchen Momenten ist Leadership gefragt. Die Studierenden müssen die Situation deeskalieren, Vorwürfe klar einordnen und gleichzeitig auf das verschwundene Material eingehen, ohne emotional zu werden.
Reflexion: sich den Spiegel vorhalten
Eine Herausforderung an diesem mündlichen Prüfungsteil ist oft die Rollensituation. Es handelt sich um keinen realen Vorfall auf der eigenen Baustelle, sondern um ein fiktives Gespräch mit einem Prüfungsexperten, der schauspielert. Deshalb fällt es einigen Studierenden schwer, auf den Punkt zu kommen.
Gut zu wissen: Im Rahmen der Prüfungssituation haben die Baupoliere die Möglichkeit, ihr eigenes Führungsgespräch zu reflektieren und wertvolle Punkte für die Gesamtnote zu sammeln. Zuerst erhalten sie wieder einige Minuten Zeit, um sich mit dem Gesprächsverlauf auseinanderzusetzen. Haben sie selbst zu viel geredet und dadurch den Mitarbeitenden zu wenig stark einbezogen? Auch der Schluss des Gespräches wird hinterfragt. Wurden die Erwartungen an Markus klar formuliert? Wurde ein Folgegespräch vereinbart?
Letztlich geht es darum, ein heikles Personalgespräch fachlich sauber, ruhig und lösungsorientiert zu führen. Genau das, was die Baupoliere auch im Unterricht an der Baukaderschule St.Gallen lernen.