Kunst aus Kunst: Werk-Hommagen im Gestalterischen Vorkurs Jugendliche
Ehre, wem Ehre gebührt. Die Lernenden des Gestalterischen Vorkurses Jugendliche setzten während drei Wochen selbstständig eine Werk-Hommage über bekannte Künstler:innen um. Entstanden sind unter anderem ein Skelett, eine Illustration der Geschichte der Erde und eine romantische Sternenbild-Collage.
Das Motiv, Menschen oder Gesichter durch Weltraum- und Sternenlandschaften zu ersetzen, ist typisch für Joe Webbs Arbeiten. Seine Collagen stellen oft poetische und philosophische Fragen nach der Rolle des Menschen im Universum. Nika griff diese Bildidee im Gestalterischen Vorkurs der Schule für Gestaltung am GBS St.Gallen auf und übersetzte sie in eine eigene Interpretation.
Besonders fasziniert sie die Verbindung von Fotografie, Collage und surrealen Bildwelten. «Ich mag allgemein Fotografie und wollte sowohl digital als auch analog arbeiten», erzählt Nika. Für ihr Projekt organisierte sie gemeinsam mit einer Kollegin und deren Freund ein Fotoshooting. Einen ganzen Tag lang fotografierte sie verschiedene Szenen, druckte die Bilder anschliessend aus und begann, daraus ihre Collagen zusammenzustellen.
Freiheit in der Umsetzung
Inspiriert von Joe Webbs Bildsprache plante Nika, die Figur teilweise auszuschneiden und – ähnlich wie im gewählten Vorbild – durch einen Sternenhimmel zu ersetzen. Die Sternenbilder stammen aus einem alten Buch von zuhause. Sie scannte die Abbildungen ein, vergrösserte und bearbeitete sie digital, bevor sie diese in ihre analogen Collagen integrierte.
Nika blickt auf die Startphase zurück, als das Thema noch nicht feststand und die viertätige Konzeptarbeit bevorstand. Sie schildert: «Am Anfang hatte ich Angst, keine gute Idee zu finden oder ein Thema zu bekommen, das mich zu stark einschränkt. Umso spannender fand ich die Werk-Hommage: Man macht Kunst aus Kunst und kann trotzdem ganz frei arbeiten.» Besonders gefallen hat ihr, dass man die Technik wie Fotografie, Illustration, Collage oder 3D selbst wählen konnte.
Das kreative Bewusstsein wird geweckt
Im Gestalterischen Vorkurs hat Nika nach eigenen Aussagen gelernt, mutiger zu werden und ihren eigenen Ideen mehr zu vertrauen. Sie erklärt: «Früher dachte ich immer, man müsse extrem gut zeichnen können, um kreativ zu sein. Ich war oft zu selbstkritisch. Im Vorkurs habe ich gelernt, dass Kunst viel freier ist, als ich dachte.» Heute merke sie, dass sie viel mehr könne, als sie sich früher zugetraut hätte.
Der Gestalterische Vorkurs Jugendliche ist ein Initialjahr und weckt das kreative Bewusstsein. Er hilft, Begabungen und Neigungen für die Berufsfindung abzuklären. Der Vorkurs öffnet Türen zu gestalterischen Berufslehren und zu Fachklassen Grafik. Nikas Mitschüler Pascal sagt: «Vor allem im digitalen Arbeiten habe ich Neues gelernt. Die Adobe-Programme und die verschiedenen Techniken waren für mich eine neue Erfahrung.»
Die Geschichte der Erde
Für seine Werk-Hommage entschied sich Pascal für eine digitale Illustration in Form eines Leporellos mit dem Titel «Die Entstehung der Welt». Inspiration fand er beim Bieler Künstlerpaar Marcel Sollberger und Isabelle Laubscher. Ihr grossformatiges Panorama Bastokalypse ist bekannt für seinen wimmelbildartigen Stil und die kreisförmige Erzählweise, bei der Anfang und Ende ineinander übergehen.
Besonders diese Idee fasziniert Pascal: «Ich finde den Stil cool, und spannend ist auch, dass das Ende wieder an den Anfang anschliesst. Dadurch entsteht ein Kreislauf. Das wollte ich ebenfalls aufgreifen.»
In seinem Leporello erzählt er die Geschichte der Erde von der Entstehung des Planeten über Dinosaurier, Meteoriten, Eiszeit und Steinzeit bis hin zu Hochkulturen wie den Ägyptern, Griechen und Römern. Auch Mittelalter, Piratenzeit, Weltkriege, Gegenwart und der Blick in die Zukunft finden Platz in der fortlaufenden Bildwelt. «Am Ende liegt die Erde nur noch in Trümmern, bevor sich der Kreis wieder schliesst», verrät Pascal.
Das Skelett aus Styropor
Pascal zeichnet auf dem iPad mit dem Programm Procreate. Der Stil bewegt sich zwischen figurativer Darstellung und minimalistischer Formsprache. Trotz der Vielzahl an Motiven entstehen die Illustrationen frei aus seiner Fantasie. «Ich zeichne nichts ab», erklärt er. Inspirieren lässt er sich sehr wohl, in dem er sich während einer breit angelegten Recherche mit bereits vorhandenem Bildmaterial befasst hat. Die Recherche ist auch ein wichtiger Bestandteil dieses selbständigen Gestaltungsprojektes.
Arin entschied sich derweil für eine dreidimensionale Arbeit, inspiriert vom belgischen Künstler Daniel Deroubaix. Dessen grossformatige Werke beschäftigen sich häufig mit Skeletten, Totenköpfen und anatomischen Strukturen und greifen die Vergänglichkeit des menschlichen Lebens auf. Arin entwickelt daraus eine eigene Interpretation: Geplant ist ein liegendes Skelett aus Styropor, das von Moos überwuchert wird. «Die Natur übernimmt das Skelett wieder», erklärt er. Ergänzt wird die 3D-Skulptur durch zwei unterschiedliche Engelflügel. Einen davon hat Arin realistisch gestaltet, den anderen aus Knochen aufgebaut. Ebenfalls hat Arin ein Herz als persönliches Markenzeichen in seine Arbeit integriert.
Raus aus der Komfortzone
Dass das Skelett liegt, hat für Arin nicht nur gestalterische, sondern auch praktische Gründe. «So muss ich mich nicht mit der Statik auseinandersetzen», sagt er und schmunzelt.
Mit dem Projekt wollte er bewusst seine Komfortzone verlassen. Obwohl ihm im Gestalterischen Vorkurs besonders das Zeichnen und Malen Freude bereiten, entschied er sich diesmal gegen ein klassisches Bild: «Malen habe ich bei selbstständigen Projekten schon oft gemacht. Deshalb wollte ich etwas Neues ausprobieren.» Gesagt, getan und die Möglichkeit genutzt.