Schlüsselfunktion Berufsbildner/-in: Die Bauvorarbeiter lernen von IKEA
Das Möbelhaus IKEA Schweiz hat die Berufsbildung als eine Lösung für den Fachkräftemangel erkannt. Die Bauvorarbeiter der Baukaderschule St.Gallen haben in der IKEA-Filiale bei der Shopping Arena erkundet, was sich die Baubranche abschauen kann. Der Besuch liefert den Studierenden Inspiration für ihren Kompetenznachweis im Berufsbildner-Kurs BB100.
IKEA Schweiz will eine grosse Mehrheit ihrer ausgebildeten Lernenden übernehmen. Mindestens 75 Prozent sollen es sein. Damit die bekannteste Einrichtungsmarke der Welt dieses Ziel erreicht, werden wichtige Details gepflegt. Die Lernende zählen unter anderem nicht zur Mindestpersonalbesetzung und das erste Gespräch über die Zukunftsaussichten wird schon zu Beginn des letzten Ausbildungsjahres geführt.
Diese Einblicke erhielten die Bauvorarbeiter von Jennifer Hasler, Leiterin der Berufsbildung IKEA Schweiz. «Schweizweit bilden wir die Lernenden nach demselben Standard erfolgreich aus. Es ist beinahe wie eine Pax-Anleitung», erklärt Jennifer Hasler. Lernende werden anhand ihrer Werte, Kompetenzen und künftigen Bedürfnisse eingestellt. Jennifer Hasler sagt: «Wir interessieren uns für die Menschen, nicht für Lebensläufe und Anschreiben.» Neuerdings nimmt IKEA auch Bewerbungen über den «WhatsApp»-Kanal entgegen. Die Leiterin der Berufsbildung schilderte der Bauvorarbeiter-Klasse eine Unternehmenskultur, welche zum Nachdenken anregte. Die Studierenden loben die gute Stimmung, die Organisation und die vorgegebene Struktur.
Gleichzeitig den Berufsbildner BB100 abschliessen
Gesprächsstoff während dieser Exkursion im Rahmen des Berufsbildner-Kurses BB100 lieferte die Lernzeit, welche die IKEA-Lernenden erhalten. Die Bauvorarbeiter können sich vorstellen, ihren jungen Fachkräften ebenfalls eine Stunde pro Woche für die Lerndokumentation oder für schulische Besprechungen zur Verfügung zu stellen.
Der Berufsbildner-Kurs ist an der Baukaderschule St.Gallen mit insgesamt 100 Lernstunden im Lehrgang Bauvorarbeiter/-in mit eidg. Fachausweis eingeplant. Der rechtliche Teil wird vom kantonalen Amt für Berufsbildung bestritten (mehr dazu). Im Anschluss vertiefen die Studierenden das Thema auch im Selbststudium. Dabei bearbeiten sie verschiedene Aufgaben, führen beispielsweise Interviews mit Lernenden und Berufsbildnern in ihrem Betrieb. Ebenso planen sowie realisieren sie eine Arbeitsvorbereitung nach dem IPERKA-Modell. Dieses umfasst die Schritte Informieren, Planen, Entscheiden, Realisieren, Kontrollieren und Auswerten.
Das eigene Umfeld verlassen
Den Abschluss des Kurses bildet eine Diplomarbeit, in der die Studierenden ihre Erfahrungen reflektieren, eine Präsentation halten und ein Fachgespräch führen. Als willkommene Inspiration für diesen Endspurt organisierte Dozent Reto Wambach den Ausflug zur IKEA St.Gallen. Die Studierenden sollten das Ausbildungskonzept kennenlernen, welches mit dem Label für die besten Lehrbetriebe der Schweiz ausgezeichnet ist. Reto Wambach sagt: «Lehren und führen ist eine komplexe Angelegenheit. Deshalb ist es immer wieder wichtig, das eigene Umfeld zu verlassen und in und von anderen Umgebungen zu lernen.»
Lernende sollen Abläufe in Frage stellen
IKEA Schweiz bildet an zwölf Standorten die Berufslehren Detailhandelsfachmann/-frau EFZ, Detailhandelsassistent/-in EBA, Logistiker/-in EFZ/EBA, Polydesigner/-in 3D EFZ, Systemgastronomiefachmann/-frau EFZ aus. Angeboten werden zudem Integrationsvorlehren im Verkauf und in der Logistik. 36 Berufsbildner/-innen betreuen insgesamt 127 EBA-/EFZ-Lernende und 11 Lernende der Integrationsvorlehre.
Die Studierenden der Baukaderschule St.Gallen erfuhren auf ihrem Rundgang mehr über die Lehrberufe Logistiker/-in und Detailhandelsassistent/-in sowie Detailhandelsfachleute. Daniela Ytterberg ist seit vier Jahren Berufsbildnerin im IKEA-Einrichtungshaus in St.Gallen und betreut aktuell drei Detailhandelslernende. Sie sagt: «Die Lernenden dürfen Fehler machen und bestehende Abläufe in Frage stellen. Wir sind froh darüber, denn nur so können wir uns weiterentwickeln.» Ihre Lernenden rotieren in den verschiedenen Abteilungen und vertiefen ihre Beratungskünste besonders bei Schränken, Matratzen und Materialarten wie Holz.
Die Lernenden nähern sich dem perfekten Verkaufsgespräch an, in dem sie sich mit dem Sortiment intensiv auseinandersetzen und zuerst beobachten. «Sie dürfen von Beginn an alle Mitarbeitenden ansprechen und um Unterstützung bitten. Das Beratungsgespräch wird dann vor allem durch die Praxiserfahrung immer besser. Learning by doing», erklärt Daniela Ytterberg.
Veränderungen durch kleine Schritte
Pro lernende Person, die ihr zugeteilt ist, erhält Daniela Ytterberg ein 10-Prozent-Pensum. So bleibt genügend Zeit für (Semester)Gespräche und administrative Arbeiten. Eine solche Entlastungsmöglichkeiten würden die angehenden Bauvorarbeiter begrüssen. Die Diskussion darüber aber zeigt: Die Frage ist, wie sie diese Entlastung zugunsten der Ausbildung beim vorherrschenden Zeitdruck auf der Baustelle einfordern können?
Zumindest erhielten die Studierenden während ihres IKEA-Besuchs einige Denkanstösse, wie die Berufsbildung dazu beitragen kann, den Fachkräftemangel zu beheben. Der Tenor war klar: Veränderungen beginnen mit kleinen Schritten.