Da fliegen die Rosen in die Luft: Schule für Gestaltung feiert ihre Diplomierten
«Wer verlässt den Wirtschaftsraum St.Gallen, um als Designer:in zu arbeiten?», will Pino Stinelli von «Klang und Kleid» wissen. Von den Diplomierten aller HF-Lehrgänge der Schule für Gestaltung St.Gallen meldet sich an der Abschlussfeier nur eine Handvoll. Die grosse Mehrheit der Anwesenden in der Lokremise unterstreicht die regionale Verankerung der höheren Berufsbildung sowie ihre enge Vernetzung mit Unternehmen, Branchen und der Praxis.
Als Festredner begrüsste Pino Stinelli das Publikum in der Lokremise. Seinem Engagement ist es zu verdanken, dass das Internet Archive Switzerland seinen Standort in St.Gallen hat. Zehn Jahre ist es her, als er Kontakt mit den Verantwortlichen von archive.org aufnahm. «Warum ist Vergangenheit so wichtig?», fragte der Mitgründer von «Klang und Kleid» in den Saal. Er gab die Antwort gleich selbst: «Die Zukunft können wir nur gestalten, wenn wir die Vergangenheit interpretieren können und ihre Bedeutung kennen.»
Archive.org habe sich wegen der Strahlkraft traditioneller Institutionen wie dem Stiftsarchiv und den zahlreichen Kreativen in St.Gallen angesiedelt. «Die Gründer von ‹archive.org› in San Francisco sind überzeugt, dass es hier in St.Gallen Expertinnen und Experten gibt, die das Weltwissen aus Büchern sowie TV- und Radiosendungen archivieren und einem breiten Publikum auf attraktive Weise zugänglich machen können», sagte Pino Stinelli.
Gefragter denn je: Kreativität, Kommunikation und kritisches Denken
Prorektorin Kathrin Lettner knüpfte an Pino Stinellis Worte an: «Wir als Designer:innen haben die Kompetenzen, die es in einer Zukunft mit KI brauchen wird. Wir sind kreativ, kommunikativ und kooperativ. Neugierig zu sein, um die Ecken herum zu denken und kritisch zu hinterfragen wird noch wichtiger werden.»
Kathrin Lettner konnte zu folgenden Abschlüssen gratulieren:
- Dipl. Kommunikationsdesigner:in HF, Visuelle Gestaltung
- Dipl. Kommunikationsdesigner:in HF, Interactive Media Design
- Dipl. Produktdesigner:in HF, Industrial Design
- Dipl. Kommunikationsdesigner:in HF, Fotografie
Die Helfershelfer
Beispiele, wie KI gewinnbringend eingesetzt werden kann, liefern die Absolvierenden mit dem Diplom und der Rose in der Hand einige. Mit «allié» entwickelt etwa Lucas Dierauer (Interactive Media Design HF) im Rahmen seiner Diplomarbeit eine KI-gestützte Plattform für selbstständige Dienstleistungsbetriebe. Sie vereint Terminverwaltung, Kundenkommunikation, Marketing und Organisation und vereinfacht administrative Abläufe. Seine Studienkollegin Vanessa Buffato untersucht in ihrer experimentellen Diplomarbeit derweil, wie generative Bildwerkzeuge Wahrnehmung, Bildproduktion und kreative Entscheidungsprozesse verändern.
Während die Interactive Media Designer:innen für ihr Diplom kein Oberthema erhielten, sahen sich die Industrial Designer:innen durch «Helfershelfer» herausgefordert. Helfershelfer unterstützen direkt oder indirekt im Gebrauch von bestehenden Produkten. Bei ihrer Arbeit sollten die Absolvierenden nicht die technische Erfindung, sondern die gestalterische Arbeit ins Zentrum stellen.
Da vieles schon existiert, konnten sich die Industrial Designer:innen der sorgfältigen Weiterentwicklung und Gestaltung widmen. Robin Grob etwa hat «Hylle» designt. Die smarte Aufbewahrung macht den Velohelm vom lästigen Gepäckstück zu einem festen Bestandteil des Velos. Der Helm lässt sich mit wenigen Handgriffen mühelos direkt am Rahmen verstauen.
Award von der Swiss Design Association
Jessica Kummer griff ein Alltagsphänomen auf. Da getragene Kleidung oft auf einem Stuhl landet, entwarf die Industrial Designerin «Zwischenhalt». Dabei handelt es sich um eine filigrane Stahlrohrstruktur, die einen bestehenden Esszimmerstuhl als Stütze nutzt, ohne ihn zu fixieren oder zu beschädigen.
Für diese Idee erhielt Jessica Kummer nicht nur das Diplom, sondern wurde auch mit dem Nachwuchs-Award der Swiss Design Association ausgezeichnet, der Berufsorganisation professioneller Kulturschaffender. Über ihre berufsbegleitende Weiterbildung sagt die gelernte Grafikerin: «Ich habe gelernt, freier zu denken.»
Wie wird das Schreibgefühl beeinflusst?
Dass die drei Jahre nicht nur die Studierenden geprägt haben, betonte Lehrgangsleiter Markus Pawlick (Industrial Design HF). «Dass ihr von uns gelernt habt, ist in der Ausstellung zu sehen. Aber auch wir Dozierenden haben von euch gelernt. Ich schätze es, bei euch den Puls der Zeit abzuholen.»
Von HF-Absolvent Christopher Castillo Vargas wurden die Besucher:innen der Ausstellung in den Lok-Sälen 1 und 2 dazu eingeladen, selbst eine ergonomische Schreibhilfe aus Knete zu formen. Das Modell konnte anschliessend mit jenem des Industrial Designers verglichen werden, getauft auf den Namen «Flow». Am Stand seiner Diplomarbeit veranschaulichte er den Weg von der Analyse von Druckpunkten und Nutzerbedürfnissen über Material- und Formstudien bis hin zu den fertigen Prototypen.
Toleranz – oder die Maske der Höflichkeit
Die Absolventen:innen der HF-Weiterbildung Fotografie widmeten sich dem Thema Toleranz. Céline Bühler hielt für ihre Diplomarbeit das laute, feuchte Schmatzen eines Kaugummis und die fremde Schulter, die im überfüllten Abteil die eigene streift, fest. In ihrem Kurzbeschrieb erklärt sie: «Unser Alltag verlangt uns täglich einiges ab: das stille Ertragen von Lärm, Gerüchen oder der physischen Nähe völlig Fremder. Hinter dieser Toleranz verbirgt sich oft nichts anderes als die Maske der Höflichkeit.»
Persönliche, experimentelle und kritische Zugänge prägen die gezeigten Diplomarbeiten im Bereich Fotografie. Ein Beispiel dafür ist «Urban Heat» von Jolanda Aschwanden. Darin setzt sie sich mit dem Thema Toleranz aus ökologischer und urbaner Perspektive auseinander. Eine dokumentarische Bildserie und ein begleitendes Video zeigen die Stadt als System mit begrenzter Belastbarkeit.
Überzeugt und selbstbewusst präsentiert
Die Diplomarbeiten der Visuellen Gestalterinnen und Gestalter zeigen, wie breit das Spektrum zwischen gesellschaftlichen Themen, kultureller Identität und gestalterischem Experimentieren ist. Kamonwan Phumma lud mit einem mehrschichtigen Leporello dazu ein, über die eigene Beziehung zu Essen, Familie und Heimat nachzudenken. Gianna Loser widmete sich in einem Buch dem «Räuchlen» im Appenzellerland, während Sarina Beti mit einer Kampagne die Vielfalt der Schweizer Dialekte sichtbar machte.
Carmen Sapina wiederum machte die oft unsichtbaren Auswirkungen von Diabetes erfahrbar. Mit acht Plakaten will sie Empathie wecken und das Bewusstsein für Betroffene stärken. Einen anderen Schwerpunkt setzte Jannick Vetter: Seine Arbeit «365 Typo-Experimente» stellt den Gestaltungsprozess in den Mittelpunkt. Für jeden Tag des Jahres 2027 entwarf er eine eigenständige Zahl, die durch Form, Proportion und visuelle Wirkung einen individuellen Charakter erhält.
Angesichts dieser Vielfalt ist sich Lehrgangsleiter Roland Stieger sicher: «Ihr findet euren Weg da draussen. Ihr habt drei Jahre lang gearbeitet und euch weiterentwickelt. Eure Diplomarbeiten habt ihr der Jury überzeugend und selbstbewusst präsentiert.» In Erinnerung bleiben ihm aber nicht nur die Arbeiten, sondern vor allem der respektvolle Umgang, die gegenseitige Motivation und die wertschätzenden Rückmeldungen, die die Ausbildung auszeichnen.