So gelingt dir eine gute Umfrage
Ob im Allgemeinbildenden Unterricht (ABU) oder in der Interdisziplinären Projektarbeit (IDPA) der Berufsmaturität: Umfragen helfen, Informationen zu sammeln und Meinungen sichtbar zu machen. Eine gute Umfrage ist neutral, verständlich, eindeutig und logisch aufgebaut. Sie vermeidet Suggestionen, Mehrdeutigkeiten und überfordernde Fragen.
Eine der häufigsten Ursachen für unzuverlässige Umfrage-Ergebnisse sind unklare oder komplizierte Fragestellungen. Die GBS-Lehrpersonen Silvio Widmer, Stefan Gehring und Patrick Weber haben in ihrem Workshop während der IDA-Projektwoche im Berufsmaturitätsunterricht aufgezeigt: Gute Fragen sind kurz, verständlich und präzise formuliert. Besonders problematisch sind doppelte Verneinungen.
Eine Aussage wie «Ich bin nicht der Meinung, dass keine weiteren Umweltschutzgesetze beschlossen werden sollen» verwirrt viele Personen und erschwert eine klare Antwort. Einfacher und verständlicher wäre die Frage: «Sollten weitere Umweltschutzgesetze beschlossen werden?»
Das Problem bei Suggestivfragen
Ebenso wichtig ist es, sogenannte Suggestivfragen zu vermeiden. Diese lenken die Befragten bewusst oder unbewusst in eine bestimmte Richtung. Eine Frage wie «Es ist definitiv so, dass der Staat mehr Geld für den Umweltschutz ausgeben sollte, um unsere Natur vor der Zerstörung zu bewahren» enthält bereits eine Wertung und beeinflusst die Antwort.
Neutral formuliert könnte dieselbe Fragestellung lauten: «Sollten die staatlichen Ausgaben für den Umweltschutz erhöht werden?» Die persönliche Meinung der Forschenden hat in einer wissenschaftlichen Umfrage keinen Platz.
Keine mehrdimensionalen Aussagen
Ein weiterer Grundsatz lautet, dass jede Frage nur einen einzigen Sachverhalt behandeln soll. Werden mehrere Themen in einer Frage miteinander verknüpft, lässt sich die Antwort nicht mehr eindeutig interpretieren. Die Aussage «Ich bin mit meinen Arbeitskollegen, meinen Arbeitsbedingungen und meinem Gehalt zufrieden» enthält gleich drei verschiedene Aspekte.
Antwortet eine Person mit «eher zufrieden», bleibt unklar, worauf sich diese Einschätzung bezieht. Solche mehrdimensionalen Fragen sollten deshalb in mehrere Einzelfragen aufgeteilt werden.
Lange Fragen überfordern
Auch der Umfang und die Verständlichkeit der Fragen spielen eine wichtige Rolle. Lange und kompliziert aufgebaute Fragen überfordern die Teilnehmenden und führen häufig zu Missverständnissen.
Ebenso störend sind unklare Begriffe. Wer beispielsweise fragt: «Ich nutze das Internet sehr oft bei der Arbeit», lässt offen, was unter «sehr oft» zu verstehen ist. Für die eine Person bedeutet dies mehrmals täglich, für eine andere vielleicht nur einige Male pro Woche. Präzise Formulierungen erhöhen deshalb die Vergleichbarkeit der Antworten.
Zuerst die allgemeinen Fragen, dann die Vertiefung
Neben der Formulierung einzelner Fragen verdient auch deren Reihenfolge besondere Aufmerksamkeit. Die Antworten auf spätere Fragen werden häufig durch vorhergehende Fragen beeinflusst. Deshalb empfiehlt es sich, einen Fragebogen vom Allgemeinen zum Speziellen aufzubauen.
Eine Frage zur allgemeinen Lebenszufriedenheit sollte beispielsweise vor Fragen zu einzelnen Lebensbereichen wie Einkommen, Partnerschaft oder Arbeit gestellt werden. So wird verhindert, dass die Bewertung eines einzelnen Aspekts die Einschätzung des gesamten Lebens zu stark beeinflusst.
Fehlerquellen seitens der befragten Personen
Eine andere Herausforderung liegt bei den befragten Personen selbst. Nicht alle Teilnehmenden beantworten einen Fragebogen mit derselben Sorgfalt. Manche wählen beispielsweise immer dieselbe Antwortkategorie aus, etwa konsequent die mittlere Option oder die Antwort «weder noch».
Dieses sogenannte Response-Set kann dazu führen, dass die Ergebnisse nur bedingt die tatsächlichen Meinungen widerspiegeln. Deshalb lohnt es sich, die ausgefüllten Fragebögen nach auffälligen Mustern zu überprüfen und solche Antworten kritisch zu hinterfragen.
Besonders bei sensiblen Themen besteht zudem die Gefahr der sozialen Erwünschtheit. Werden Fragen zu Geld, Sexualität, Drogenkonsum oder anderen gesellschaftlich heiklen Themen gestellt, neigen viele Menschen dazu, Antworten zu geben, die sozial akzeptiert erscheinen, anstatt ihre tatsächliche Meinung oder ihr Verhalten offenzulegen. Um dieses Risiko zu minimieren, sollten Forschende die Anonymität der Teilnehmenden garantieren und die Fragen möglichst neutral formulieren.
Dieser Blog orientiert sich am Skript «Empirische Sozialforschung, Abschnitt: Fehlerquellen und Grundregeln» von Marc Szydlik, Soziologisches Institut Universität Zürich. Das Skript ist aus dem Jahr 2020.
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